Blick in die Koje der Genfer Galerie Artvera’s Foto: Annik Wetter
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Kunst und Design in Genf Krosse Konzepte

Eva Karcher
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Die Genfer Messe Artgenève setzt auf große Namen und Exklusivität. Das kommt beim internationalen Publikum gut an.

Was für ein Glück, dass es sie gibt, die grotesk überdimensionierten „Inflatables“, aufgeblasene Szene-Maskottchen wie die neun Meter hohe Skulptur „Felix“ von Mark Leckey. Die Figur des Cartoon-Katers Felix, die der britische Künstler von seinem Erfinder, einem US-Filmproduzenten, für sein neun Meter hohes Objekt adaptierte, steht, die Plastikarme in die Taille gestemmt, am Eingang der Schweizer Messe Artgenève und drängt sich den Besuchern als Selfie-Motiv geradezu auf.

Gleich drei private Sammlungen zeigen Werke auf der Messe

Gigantomanische Post-Popart-Spielzeuge wie dieses zählen längst zum Angebotsrepertoire der Gegenwartskunst. So stammt „Felix“ aus der Sammlung der Genfer Schmuckdesignerin Suzanne Syz, deren Stand auf der Messe man unbedingt besuchen sollte. Eine zweite hochkarätige Leihgabe, „Luca e Ombra“, ein zwölf Meter hoher, filigraner Bronzebaum mit Granit-Ei in einer Astgabel von Giuseppe Penone, einem italienischen Pionier der Arte Povera, ist eine Leihgabe des Genfer Sammlerpaars Eric und Caroline Freymond. Und auch eine dritte Sammlung der Region, die ungenannt bleiben möchte, trägt mit einer beeindruckenden Auswahl von Werken des früh verstorbenen Schweizer Malers, Bildhauers und Schriftstellers Martin Disler zur Idee des „Salon d’Art“ bei, den Messedirektor Thomas Hug in Halle 2 des Messegeländes zu inszenieren versucht: „Wir wollen die Dialoge zwischen Sammlern, Galeristen, Kuratoren und Institutionen intensivieren.“

Aus diesem Grund werden die Kojen der 111 Aussteller aus 15 Ländern, unter denen die Schweizer und französischsprachigen Händler die mit Abstand größte Gruppe darstellen, von Ständen und Ausstellungsflächen umrahmt, auf denen sich Sammlungen wie die des Züricher Verlegers Ringier oder die V-A-C Stiftung des Moskauers Unternehmers Leonid Mikhelson präsentieren und Museen wie das Tel Aviv Museum oder die Londoner Whitechapel Gallery. „Wenn sie Arbeiten erwerben, können sie diese direkt vor Ort präsentieren“, hofft Hug. Der gleichen Ambition ist auch das Dinner des ersten Messeabends geschuldet, zu dem die Galeristen ihre Kunden an lange Tische in die Gänge zwischen den Ständen bitten.

Zum ersten Mal dabei: Londons Design-Messe PAD

Doch spiegeln sich die angestrebten Allianzen zu wenig im konventionellen Gesamtdesign der Messe. Brav reihen sich die Stände aneinander, das vom Schweizer Innenausstatter Teo Jakob gestaltete Restaurant liegt in der hintersten Ecke, und die zum ersten Mal auftretende Londoner Designmesse PAD mit ihren 22 Ausstellern wurde beengt in einen Raum gegenüber der Artgenève gedrängt.

Hier sollte man mutiger im angestrebten „Crisscross“ werden, das Hug und Laura Meillet, die Direktorin der ebenfalls von der Messegesellschaft Palexpo veranstalteten Schwestermesse artmonte-carlo Ende April proklamieren. Allerdings setzt die Ästhetik eines gelungenen Crossover genaue Kenntnisse der unterschiedlichen kreativen Bereiche von Kunst und Design voraus, einen Veranstaltungsort mit mehr Atmosphäre als einer Messehalle und möglicherweise auch einen ausgewiesenen Messedesigner.

Ihrer Kernkompetenz genügt die Messe jedoch vollauf: Die Galeristen sind international, die Qualität ihre Werke ist hoch. Entsprechend konnten globale Schwergewichte wie Gagosian, die eine Niederlassung in Genf führen, Pace, Perrotin, Continua, Marlborough, Templon und Luxembourg & Dayan, die sich einen Stand mit Gió Marconi teilen, bereits am Eröffnungstag Werke platzieren. So verkaufte Pace, die im März zudem eine Dépendance in Genf eröffnen, ein Werk des US-Multimediakünstlers Adam Pendleton und eine geometrische Abstraktion des amerikanischen Malers Brent Wadden sowie eine Leuchtkastenarbeit der israelischen Videokünstlerin und Fotografin Michal Rovner zu Preisen zwischen 150 000 und 200 000 Dollar.

Julian Charrière gewinnt den Mobiliar-Förderpreis

Zufrieden äußern sich auch Galeristen, die wie der Münchner Wolfgang Häusler oder der Berliner Jan Wentrup überwiegend im mittleren Preissegment operieren. So fanden bei Häusler eine Lichtskulptur der etablierten Wiener Künstlerin Brigitte Kowanz (50 000 Euro) und eine Studie von David Reed (20 000 Dollar) einen neuen Besitzer, bei Wentrup eine Skulptur von Olaf Metzel (42 000 Euro), ein Bild von David Renggli (18 000 Euro) und ein Gemälde von John McAllister (35 000 Euro). Philipp Pflug, der mit seiner Frankfurter PPC Galerie und einer Soloschau des deutschen Künstlers Michael Pfrommer debütiert, freut sich ebenfalls: „Ich habe ein Aquarell für 4000 Euro verkauft und Reservierungen für die beidseitig bemalten Gouachen auf Holztüren“ (27 000 Euro).

Bleibt noch zu erwähnen, dass der französisch-schweizerische, in Berlin lebende Multimediakünstler Julian Charrière den mit 15 000 Schweizer Franken dotierten Mobiliar-Förderpreis verdient gewann. Dass man entlang des Genfer Sees Skulpturen von Jeppe Hein oder Pawel Althamer erwandern kann. Und last but not least: Das Musikformat der Artgenève, das sein fünftes Jubiläum mit einer Soundperformance von Monica Bonvicini feierte, ist eine echte Bereicherung.

Artgenève, Palexpo Messegelände, Genf; bis 4.2., www.artgeneve.ch

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