Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe besitzt diverse Benin-Bronzen. Foto: Daniel Bockwoldt/picture alliance/dpa
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Kunst aus kolonialen Kontexten Das Wissen der Stammesältesten

Die Benin-Bronzen stehen im Zentrum der Diskussion um die Rückgabe von Objekten aus der Kolonialzeit. Berlin besitzt die größte Sammlung dieser Kunstwerke.

Als eine britische Delegation sich im Januar 1897 nach Benin-Stadt aufmachte, um König Oba Ovonramwen in Handelsstreitigkeiten unter Druck zu setzen, wehrten sich dessen Soldaten und verübten ein „Massaker“. Acht von zehn Briten kamen ums Leben.

Sogleich entsandte die britische Regierung 1200 Marineinfanteristen, um eine „Strafexpedition“ durchzuführen. Die gestaltete sich so gründlich, dass das Königreich Benin zu existieren aufhörte. Der Palast des Königs wurde geplündert und dem Erdboden gleichgemacht. Die britischen Medien waren begeistert, Queen Victoria gratulierte der Royal Navy zum Sieg, und das Land wurde dem „Protektorat Südliches Nigeria“ eingegliedert. Es war – um 1900 – die Hochblüte des Imperialismus und Kolonialismus.

Die Geschichte ist auch deshalb bekannt, weil die britischen Soldaten rund 2400 Objekte aus dem Königspalast mitgehen ließen und großenteils als Privatbeute in Europa verscherbelten, die sich als ganz außerordentliche Kunstobjekte herausstellten. Was heute unter dem Namen „Benin-Bronzen“ geläufig ist, umfasst tatsächlich nicht nur Skulpturen und Reliefs aus Bronze, sondern ebenso aus Messing sowie Artefakte aus Elfenbein.

440 Objekte befinden sich in Berlin

Erstaunlicherweise befindet sich rund die Hälfte der heute bekannten Benin-Kunstwerke in deutschen Museen, allen voran dem Ethnologischen Museum der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin. Die Spitzenstücke aus dessen insgesamt rund eine halbe Million Objekte umfassender Sammlung sollen künftig im Humboldt-Forum im Schloss-Neubau gezeigt werden.

Die Verteilung der rund 1100 in deutschen Museen befindlichen Benin-Stücke schlüsselt das Magazin „Der Spiegel“ in seiner jüngsten Ausgabe auf. Demzufolge befinden sich 440 Objekte in Berlin, 242 in den beiden Häusern der Ethnographischen Sammlung Sachsen in Dresden und Leipzig, 190 in Hamburg, 92 in Köln, 64 in Stuttgart und die übrigen 59 Objekte in vier weiteren Museen.

Mitbringsel von Ärzten, Kaufleuten und Ethnologen

Berlin stand als Reichshauptstadt mit seinem 1873 gegründeten und 1886 in einem eigenen Gebäude eröffneten Museum für Völkerkunde an der Spitze der Sammeltätigkeit außereuropäischer Objekte. Die kamen gegen Ende des 19. Jahrhunderts in zunehmender Zahl nach Deutschland, weniger aus den eigenen, gerade erst eroberten Kolonien, sondern zumeist als Mitbringsel von Forschungsreisenden wie dem ersten Direktor des Hauses selbst, Adolf Bastian. Abenteurer waren darunter, Ärzte, Kaufleute und Vertreter der jungen Ethnologie.

In Berlin sind die Benin-Bronzen am gründlichsten erforscht worden. Felix von Luschan, Österreicher und seit 1885 am Berliner Museum tätig, dann ab 1900 erster Professor für Anthropologie an der damaligen Friedrich-Wilhelms-Universität, veröffentlichte 1919 das dreibändige Werk „Die Altertümer von Benin“, in dem erstmals der herausragende kulturelle Wert der Schätze aus dem zerstörten Königreich dargelegt wurde. Genau das ist heute wieder aktuell.

Inzwischen gibt es in Frankreich Widerstand gegen die Rückgabepolitik

In zunehmender Erregung wird über die Rückgabe von Objekten gestritten – „aus kolonialem Kontext“, wie es vereinfachend, aber auch verfälschend heißt, denn längst nicht alle Objekte der Ethnologischen Museen stammen aus Kolonien. Der französische Staatspräsident Macron hatte mit seiner Ankündigung, die Rückgabe von Objekten aus Museumsbesitz zu ermöglichen, die bis dahin fachintern geführte Diskussion in eine breite Öffentlichkeit gebracht. Inzwischen hat sich in Frankreich allerdings erheblicher Widerstand formiert; so ist verunklarend von „langfristigen Ausleihen“ die Rede. Andererseits ist dem Staat Benin – der mit dem historischen Königreich weder Geschichte noch Territorium gemein hat – soeben ein Kredit von 20 Millionen Euro zugesagt worden, um die 26 im Jahr 1894 von französischen Truppen erbeuteten Objekte auszustellen, die Macron definitiv zur Rückgabe zugesagt hat. Das neue Museum soll bis 2021 an der Stelle des einstigen Königspalasts von Dahomey errichtet werden.

Die Benin-Bronzen sind technisch avanciert

Die Diskussion um die Rückgabe von Objekten an ihre Herkunftsländer fokussiert sich zumeist auf die Benin-Bronzen. Glaubte man anfangs, die Technik des Bronzegusses sei über portugiesische Seefahrer und Sklavenhändler – denn Benin verdankte seinen außerordentlichen Wohlstand dem Sklavenhandel – in das Königreich gekommen, erkannte Luschan, dass „der Stil der Erzarbeiten aus Benin rein afrikanisch“ sei. Vor allem aber: „Diese Benin-Arbeiten stehen nämlich auf der höchsten Höhe der europäischen Gusstechnik. (...) Diese Bronzen stehen technisch auf der Höhe des überhaupt Erreichbaren.“

Diese – damals höchst irritierende – Erkenntnis ist heute unbestritten; sie ist im Berliner Museum und seinen Sammlungen gewonnen worden. Dieser Aspekt ist bislang wenig beachtet worden. Nun ist soeben das Buch des amerikanischen Historikers H. Glenn Penny erschienen, der als Fellow am Berliner Wissenschaftskolleg die Debatten um das Humboldt-Forum unmittelbar verfolgen konnte. Unter dem Titel „Im Schatten Humboldts. Eine tragische Geschichte der deutschen Ethnologie“ legt er dar, welche Höhe die Forschung im damaligen Kaiserreich erreichte – und wie so vieles davon schlicht vergessen wurde (Verlag C.H. Beck, München 2019. 287 S., 26,95 €).

Ethnologische Museen als Schatzhäuser voller historischer Spuren

Vor allem kritisiert Penny den in seinen Augen verheerenden Einfluss des Berliner „Museumsgenerals“ Wilhelm von Bode, auf dessen Drängen hin man ab 1905 „die Zahl der Sammlungen verkleinerte, einen Großteil der Objekte einlagerte und einer didaktischen Präsentationsästhetik folgte, die unterhalten und belehren sollte.“ Diese Fehlentwicklung sieht Penny beim Humboldt-Forum – er nennt es „eine weitere seelenlose Schausammlung mit einer Espressobar“. Demgegenüber seien Ethnologische Museen „Schatzhäuser voller historischer Spuren, materieller Objekte, die unglaublich viele Informationen über die Menschheitsgeschichte enthalten“. Das trifft beispielhaft auf die Benin-Bronzen zu, die Afrika erstmals als Kontinent mit eigener (Kunst-)Geschichte hatten hervortreten lassen.

Dabei sei „Rückgabe“ – betont Penny – „nur ein Teil der Antwort“. Vielmehr redet er „der gemeinsamen Wissensproduktion“ mit Vertretern indigener Gemeinschaften das Wort, wie sie in Berlin bereits 1997 mit dem Besuch von vier Stammesältesten der Yupik aus Alaska praktiziert worden war, die sich „das Wissen und die Erfahrungen, die sich in diesen Gegenständen (des Museums) verkörperten, neu aneignen“ wollten.

Damit rückt die Aufgabe des Museums als Ort der Bewahrung – früher „Rettung“ – der vom Untergang bedrohten Kulturen in den Blick. Denn hinter der territorialen Expansion des Westens durch Kolonialismus steht die weit wirkmächtigere Expansion kultureller und zivilisatorischer Art. Es ist dies jener unumkehrbare Prozess, den Max Weber als „Entzauberung der Welt“ beschrieben hat; übrigens genau zu der Zeit, als die Berliner Museen ihre Hochblüte erlebten. Dahinter führt kein Weg zurück, und auch in einem Museum in Benin werden die Bronzen nie mehr zu dem, was sie einst und unwiederbringlich waren.

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