Immer bereit! Junge Pioniere vor einem staatlichen Zweckbau. Foto: Imago Stock/ United Archives
© Imago Stock/ United Archives

Kulturgeschichte der DDR Denn wir brauchen keine Lügen mehr

Hannes Schwenger

Zwischen Revolution und Nostalgie: Gerd Dietrich erzählt auf 2440 Seiten die Kulturgeschichte der DDR.

Ob es noch einen Sinn hat, eine gesonderte Kulturgeschichte der DDR zu schreiben? Hermann Glaser, Jost Hermand und das Autorenpaar Axel Schildt und Detlef Siegfried haben sie in separaten Darstellungen bereits in die umfassendere deutsche Kulturgeschichte eingeordnet. Oder sollte man sagen – untergeordnet? Auch eine spezielle Kulturgeschichte der DDR von Frank Hoffmann (2014) ist nicht unproblematisch: Sie berücksichtigt die Populärkultur nicht ausreichend.

Gerd Dietrich, Kulturwissenschaftler und Emeritus der Humboldt-Universität, versucht es noch einmal. Als einstigem Mitarbeiter an der Wissenschaftsakademie der DDR und dem Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED kann ihm niemand vorwerfen, die DDR sei ihm fremd geblieben. Mit seiner „Kulturgeschichte der DDR“ holt er nach, was die DDR selbst versäumt hat. Zu ihrer Zeit erschienen dort zwar mehrere Kunst- und Literaturgeschichten, sogar eine der Bundesrepublik, aber nur ein dünner Abriss der „Kultur in der DDR“ (1981) aus der Feder von Joachim Streisand. Der fehlt sogar in Dietrichs Bibliografie, vielleicht weil er nur in der Westausgabe eines Verlags der DKP als „Kulturgeschichte der DDR“ firmierte.

Mit seinem erweiterten Kulturbegriff und einer Definition von Kulturgeschichte als „Aufstieg zum Konkreten“ nahm der 1980 verstorbene Nationalpreisträger immerhin einen ersten Anlauf, den er fast subversiv begründete: Zwar verdiene die Kulturpolitik der SED besondere Aufmerksamkeit, aber „gleichwohl fallen Geschichte der Kulturpolitik und Kulturgeschichte nicht miteinander zusammen.“

Die DDR verstand sich stets als Kulturstaat

Gerd Dietrich benötigt 2400 Seiten einer umfassenden Chronik des kulturellen Lebens und der Lebenskultur in der SBZ/DDR und deren Überformung durch die Kulturpolitik der SED. Dabei muss er seine Vorläufer überholen, ohne sie einzuholen, wenn er feststellt: „Eine zusammenfassende Geschichte der Kultur in der DDR bzw. eine Kulturgeschichte der DDR gibt es nicht, nicht einmal eine Gesamtgeschichte ihrer Kulturpolitik.“

Zwar wüssten „doch alle“ um deren Komplexität und Widersprüche, aber allein er habe endlich nach vier Jahrzehnten Forschung und Lehre „das Nachschlagewerk geschrieben, das ihm dabei immer gefehlt hat“. Zumal jüngere Leser könnten darin „von Dingen erfahren, die ihnen womöglich gänzlich unbekannt sind, weil sie im bisherigen Bild der DDR nicht vorkommen“.

Wer sich die Lektüre der vielen Titel auf Dietrichs Literaturliste ersparen will, kann diesem Kompendium vertrauen. Das gilt selbst für den Ausblick auf die späte „Weite und Vielfalt“ der DDR-Künste und einen Kulturbegriff, der auch Architektur, Städtebau, Arbeits- und Umwelt, Kirchen, Sport und die Massenmedien Kino, Radio, Fernsehen umfasst. Ein Seitenblick fällt auf die Hobby- und Sammlersparten des DDR-Kulturbunds. Auf Feldern wie Städtebau und Fotokunst leistet das Buch sogar mehr als einen Überblick über Bekanntes. Dafür wird die Unterhaltungskultur nostalgisch breitgewalzt und sogar Frank Schöbels Schnulze „...denn wir brauchen keine Lügen mehr“ zum doppelsinnigen „Höhe- und Schlusspunkt der DDR-Schlagergeschichte“ hochstilisiert.

Alles in allem hat sich die DDR – wie die Weimarer Republik und die Bundesrepublik im Einigungsvertrag 1990 – stets als „Kulturstaat“ verstanden, aber unter diesem Etikett in den vier Jahrzehnten ihrer Existenz sehr verschiedene Wege eingeschlagen: vom Erbe der Deutschen Klassik, der bürgerlichen Kultur des 19. Jahrhunderts und der sozialdemokratischen Arbeiterkultur über Walter Ulbrichts „Kulturrevolution“ in ihrer leninistischen (technisch-wissenschaftlichen) und maoistischen Variante („Bitterfelder Weg“) bis zu Erich Honeckers „Sozialistischer Kulturnation“.

Dietrich hält sich vor allem an die Literaten

Der von der SED verordnete „Sozialistische Realismus“ wurde zwar zwanghaft vier Jahrzehnte lang aufrechterhalten, aber schon bald zur bloßen Methode herabgestuft. Ein Versprecher des Staatsdichters KuBa beim Verlesen einer Grußadresse des Zentralkomitees löste homerisches Gelächter aus, als er statt der Methode die „Mode“ des Sozialistischen Realismus proklamierte.

Dietrich unterteilt die Kulturgeschichte der DDR abweichend von der bisher üblichen Periodisierung, in eine Kultur der Übergangsgesellschaft 1945–1957, der sozialistischen Bildungsgesellschaft 1957–1976 und der „Konsumgesellschaft“ 1977–1990. Eine weitere Zäsur markieren bei ihm die beiden Aufbaugenerationen der DDR, die im NS-Staat geborenen Ein- und Aufsteiger im neuen Staat und die in die DDR „Hineingeborenen“, die 68er der DDR, von denen der Soziologe Wolfgang Engler meint, sie seien zweimal gescheitert: 1968 mit dem Bekenntnis zum Prager Frühling und 1989 mit ihrer Utopie einer besseren DDR. Vielleicht, weil die meisten gar nicht politisch motiviert waren, sondern als „Kultur-68er“ (auf 50 Prozent der DDR-Jugend geschätzt) vor allem eine Kulturrevolution anderer Art – Rockmusik, Bluejeans, sexuelle und Reisefreiheit – im Sinn hatten.

Ganz gegen seine erklärte Absicht gerät Dietrichs Darstellung dann doch über viele hundert Seiten zum Referat und Kommentar der DDR-Kulturpolitik, vielleicht weil es unter deren Diktat und Zensur nur wenige Manifestationen der gelebten Kultur „von unten“ gab. Zu ihrer Rekonstruktion muss sich Dietrich vor allem an literarische Zeugnisse halten wie die offenherzigen (erst nach dem Ende der DDR publizierten) Tagebücher Brigitte Reimanns, Erich Loests Autobiografie und dessen legendären Roman „Es geht seinen Gang“, Heiner Müllers zynische Kommentare aus der Endzeit der DDR und das vergebliche Aufbegehren kritischer, aber in Bezug auf das Projekt DDR loyaler Geister wie Volker Braun, Christoph Hein, Stefan Heym, Christa Wolf und Stephan Hermlin.

Auch Vertriebene kommen zu Wort

Auch die aus der DDR Vertriebenen wie Rudolf Bahro, Wolf Biermann, Jürgen Fuchs, Sarah Kirsch und Gerhard Zwerenz kommen kursorisch zu Wort, obwohl ihr Exil in der Bundesrepublik ein eigenes Kapitel wert wäre. Hat Dietrich darauf verzichtet, weil er Stephan Hermlins Attacke gegen die „Flüchtlingsgespräche“ exilierter DDR-Autoren teilt, Flüchtlinge seien „nur wir, die Antifaschisten. Diese Herrschaften sind Ausreiser“?

Dagegen hat Gerhard Zwerenz in seiner Autobiografie „Der Widerspruch“ 1974 den Anspruch erhoben, sie sei Teil der DDR-Literatur: „Warum sollte die DDR der einzige Staat in der Welt sein, der eine auswärtige Literatur im Sinne von außerhalb seiner Grenzen wohnenden Autoren nicht besitzt?“ Ihre Ausbürgerung aus der Kulturgeschichte der DDR ist ein ernsthafter Mangel.

Ein anderer ist die Bezeichnung der jüdischen Massenflucht 1953 aus der DDR vor stalinistischer Verfolgung als „Massenpsychose“. Kleinere Mängel, Autoren- und Lektoratsversehen wie Namensverwechslungen und Buchstabierfehler sind bei diesem Umfang verzeihlich. Gerd Dietrichs rühmender Nachruf auf den Palast der Republik ist allerdings Geschmackssache.

Gerd Dietrich: Kulturgeschichte der DDR. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018. 3 Bde., 2430 S., 124 €.

Zur Startseite