Sänger Neil Tennant links und Keyboarder Chris Lowe von den Pet Shop Boys während Auftaktkonzertes ihrer "Super"-European Tour am 26.11.2016 in der Arena Leipzig. Foto: imago/STAR-MEDIA
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Kristof Magnussons Buch über die Pet Shop Boys Wir sind die Pop-Herren

Queere Identifikationsfiguren und Tänzer auf polierten Soundoberflächen: Kristof Magnusson erzählt, wie die Pet Shop Boys sein Leben begleitet haben.

Kristof Magnusson weist gleich zu Beginn seines Buches über die Pet Shop Boys darauf hin: Konzerte von Neil Tennant und Chris Lowe haben Volksfestcharakter. Auf die britische Band können sich die unterschiedlichsten Menschen einigen, und Songs wie „West End Girls“ oder „Being Boring“ staffieren inzwischen den kollektiven Erinnerungshaushalt aus.

Für Magnusson, der väterlicherseits isländische Wurzeln hat, Autor von Romanen wie „Das sind doch wir“ und dem „Arztroman“ , sind die Pet Shop Boys noch viel mehr: queere Identifikationsfiguren, die ihm die Adoleszenz entscheidend erleichtert haben. „Die Abwesenheit eindeutig heterosexuell codierter Bilder“ in ihren Videos und Songs sei ihm eine „Wohltat“ gewesen.

Magnusson erzählt, wie ihn die Pet Shop Boys von seiner Jugend an begleiteten, ob in Hamburg, Leipzig, Reykjavik oder Berlin; und wie er sich in Szenen tummelte, in denen Authentizität ganz oben auf der Agenda stand und diese mit den Pet Shop Boys naturgemäß nichts anfangen konnten.

Im Berliner Café Rizz saßen Tennant und Lowe gern an der Theke

Vor diesem Hintergrund erklärt er, wie sich das bei dieser seit Mitte der achtziger Jahre existierenden Band mit den schön polierten Oberflächen und der tiefen Artyness verhält, den zudem im Vergleich mit der offensiven Hitlastigkeit mitunter komplexen Lyrics. Interessanterweise hat Magnusson schon mal, bei aller Kennerschaft, ein Pet-Shop-Boys-Album verpasst, nur um anschließend umso empathischer auf die Remix-Alben hinzuweisen oder die Zusammenarbeit mit Dusty Springfield.

Schön sind seine Beobachtungen aus Berlin, speziell Kreuzberg: aus dem Möbel Olfe, („fühlte sich an, als hätten sich gesammelten Ausgaben des Butt Magazins in Kneipenform materialsiert“) oder dem inzwischen nicht mehr existierenden Café Rizz, wo Tennant und Lowe immer mal wieder an der Theke saßen.

Bei allem Fantum: Magnusson hat sich Distanz bewahrt und keine Hagiographie geschrieben. Er betont die Verbesserungen für viele schwule weiße Männer, auch mit Hilfe der Pet Shop Boys. Aber auch, dass sich etwa queere Afroamerikaner:innen oder non-binäre Geschlechteridentitäten kaum bei Lowe und Tennant wiederfinden.

Ironie und postmoderne Ambivalenz sind nicht alles – und im Orbit der Pet Shop Boys hat sich das Gesamtwerk lange von ihren Urhebern gelöst. Alterslos für die Ewigkeit, Kunst schlägt Verfall. Umso schöner ist Magnussons Bemerkung: „Die Pet Shop Boys kamen mir immer besonders menschlich vor.“

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