Polizeiarbeit am Tatort nach einer tödlichen Schießerei in Sydney. Foto: picture alliance/dpa/AAP
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Krimi von Garry Disher Kein Entkommen

Folge der Zielperson: Der australische Schriftsteller Garry Disher schickt im Thriller „Moder“ seinen Anti-Helden Wyatt auf eine riskante Jagd .

Die wichtigste Qualifikation eines Berufsverbrechers ist seine Kaltblütigkeit. „Plane fürs Optimum, erwarte das Schlechteste, beachte die Fluchtwege“, so lautet das Credo von Wyatt, der Einbrüche mit größtmöglicher Effizienz erledigt. Er besitzt Papiere für ein halbes Dutzend Identitäten, über Jahre zusammengetragen, und ist ständig auf dem Sprung. Weiterzuziehen und an einem anderen Ort unter anderem Namen weiterzumachen, fällt ihm nicht schwer. Genauso wenig wie sich von beidem zu verabschieden, wenn er aufzufliegen droht.

Wyatt, der keinen Vornamen besitzt, ist das Geschöpf des australischen Schriftstellers Garry Disher. In dessen makellosen Kriminalroman „Moder“, der im Original „Kill Shot“ heißt, hat er seinen neunten Auftritt. Sein Informant sitzt im Gefängnis, lässt ihm über seine Familie Tipps zukommen, und im Gegenzug kümmert sich Wyatt bis zu dessen Entlassung um die Familie. Ein gewisser Tremayne hat mithilfe des Ponzi-Schemas, einem Klassiker des Anlagebetrugs, Investoren um viel Geld gebracht. Weil ihm das Finanzamt im Nacken sitzt, will sich Tremayne ins Ausland absetzen. In seiner Fluchtkasse befinden sich eine Million Dollar, bestehend aus Bargeld, Schmuck und Wertpapieren.

Segelyacht als Fluchtvehikel

Von Sydney aus, wo er eine Villa ausgeräumt hat, bricht Wyatt nach Newcastle auf, einer Küstenstadt in New South Wales. Dort liegt die Windward Passage vor Anker, Tremaynes Segelyacht und mögliches Fluchtvehikel. Als Krimineller ist Wyatt eine anachronistische Figur. Der technische Fortschritt hat ihn überflügelt, die meisten Alarmsysteme kann er nicht deaktivieren, er fürchtet die Überwachungskameras, die nun überall hängen, in Parkhäusern, an Fahrstühlen und Eingängen. Als soziales Chamäleon ähnelt er Parker, dem Berufsverbrecher, der in den Romanen von Richard Stark immer wieder auf der Flucht ist.

Wyatts vorherrschendes Gefühl ist sein Gespür für Vorsicht, „aber es reizte ihn der Gedanke, dass noch andere mit im Spiel waren“. Auch Lazar hat Wind von der Sache bekommen, ein Afghanistan-Veteran mit psychopathischen Zügen.

Mit dem Detective im Nacken

Und Detective Sergeant Muecke ermittelt schon lange verbissen gegen Wyatt, kennt zwar dessen Namen nicht, besitzt aber ein unscharfes Überwachungsfoto von ihm. Sein Vorgesetzter im Dezernat für Wirtschaftskriminalität hält nichts von dem Fall, und als Muecke nach Newcastle fliegt, sind ihm die dortigen Polizisten keine Hilfe.

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Wyatt verbringt den Großteil seiner Arbeit mit Observation, dem beharrlichen Verfolgen von Zielpersonen. Dabei benutzt er Maskeraden, tritt mit Klemmbrett als Techniker auf oder als Ex-Fitnesstrainer vom Militär, der eine Kette von Fitnessstudios gründen will und passende Immobilien sucht. Er besorgt sich sogar eine Drohne und lässt sich von einem Jugendlichen zeigen, wie man sie steuert.

[Garry Disher: Moder. Ein Wyatt-Roman. Aus dem Englischen von Ango Laina und Angelika Müller. Pulp Master, Berlin 2021. 300 Seiten, 14,80 €]

Garry Disher geht ähnlich vor wie sein Held, führt Figuren ein, beobachtet sie, baut Spannung auf. Bis die Handlungsfäden zusammenlaufen und der Tumult beginnt. Tremanye gelingt die Flucht per Boot, nimmt Kurs auf den Pazifik, kann nach Norden, Süden oder direkt nach Französisch-Polynesien segeln. Einen gibt es, der ihm hartnäckig folgt: Wyatt.

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