Selbst ist der Mann. Tobias Moretti hat den "Egmont"-Text eingerichtet und spricht ihn auch. Foto: Christian Hartmann
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Konzerthausorchester Spaltklang

Das Konzerthausorchester und Rezitator Tobias Moretti führen Beethovens Bühnenmusik zu Goethes Trauerspiel "Egmont" auf.

So was, da stellt man sich auf einen recht konventionellen Konzertabend ein – und sieht sich plötzlich einem ulkigen Hybrid aus Sprechtheater, Liedgesang und großem Orchester gegenüber. Beethovens Bühnenmusik zu Goethes Trauerspiel „Egmont“ kennt man heute, ähnlich wie Mendelssohn Bartholdys Musik zum „Sommernachtstraum“, nur als Torso, obwohl immer wieder versucht wird, mehr als nur die aufrauschende Ouvertüre fürs Repertoire zu retten. Aber zu speziell sind die Aufführungsbedingungen, ohne das dazugehörige Schauspiel ist diese Musik im Grunde nicht zu verstehen.

Im Konzerthaus hat Schauspieler Tobias Moretti jetzt eine von ihm erstellteTextfassung des Dramas präsentiert, die den Geist der Vorlage mit teils originaler Wortwahl einfängt. Moretti ist ein toller Rezitator, seine Stimme schleicht sich eher nebenbei ins Ohr – wo sie dann umso stärker wirkt. Am Pult entfacht Bertrand de Billy mit dem Konzerthausorchester einen eindrücklichen Beethoven-Sound.

Für Goethe komponiert auch ein Beethoven umsonst

Fast wirkt der Abend wie eine Uraufführung, die meisten im Saal dürften die Zwischenspiele und melodischen Einfälle Beethovens, die sich immer mehr verdunkeln, zum ersten Mal hören. Kaum zu glauben, dass der 1810 schon sehr berühmte Komponist das für umsonst geschrieben hat. Aber hey: Goethe! Da macht man so was schon mal.

Der positive Eindruck der ersten Konzerthälfte hält nicht an. Ein seltsamer Spaltklang herrscht in Strauss’ „Vier letzten Liedern“. Der Sopran von Elza van den Heever zerfällt in eine schrille, eiernde Höhe, die bei ihren zwei „Egmont“-Gesängen zuvor nicht so negativ auffiel, und eine fast unhörbare Tiefe. So nimmt man nur Stimminseln wahr. Das Orchester kompensiert nicht, de Billy scheint plötzlich der Üppigkeit der Musik zu misstrauen und dirigiert, als hätte er eine Decke über den Strauss’schen Klangfarbenglanz geworfen. Eine Enttäuschung, leicht gemildert durch den melancholischen Weltabschieds-Strich der Solovioline von Sayako Kusaka. Doch der Durchhänger ist nur vorübergehend, wie sich in Ravels zweiter „Daphnis et Chloe“-Suite bestätigt. Das Orchester atmet wieder Weite, Klangfülle und Schmelz sind zurück, de Billy bereitet die dynamischen Höhepunkte klug vor, ohne sie klirrend zerspringen zu lassen. Und plötzlich hört man, was man noch nie gehört hat: dass dies kein impressionistisches Geflimmer ist, sondern packende, eminent dramatische Musik, in der Wirkung Beethovens „Egmont“ mindestens ebenbürtig.

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