Iván Fischer Foto: Marco Borggreve
© Marco Borggreve

Konzerthausorchester Die Mücke und die Meistersinger

Iván Fischer dirigiert Wagner und Mendelssohn

Aufgereiht sind stolze acht Kontrabässe, wenn das Konzerthausorchester in opulenter Besetzung die Sinfonia für Streichorchester Nr. 12 von Felix Mendelssohn Bartholdy anstimmt. Es handelt sich um ein Werk, das der Komponist, quasi noch Wunderkind, im Alter von 14 Jahren als Schüler Carl Friedrich Zelters verfertigt hat. Das Stück, erst im 20. Jahrhundert für die Öffentlichkeit entdeckt, war zunächst Privataufführungen zugedacht.
Iván Fischer, ehemals Chefdirigent des Orchesters, der nun als Ehrendirigent wiederkommt, genießt sichtlich den Klangkörper, dessen Qualität er selbst geformt hat. Es wird deutlich, dass er Fugenthematik und chromatische Linien der Komposition trennscharf und linear denkend verteidigt. Trotzdem leidet im Rausch des vollen Klingens die Transparenz des Jugendwerks, das in mutiger Meisterschaft auf die Jupitersinfonie von Mozart zu blicken scheint.
Mit geigerischer Finesse und nicht restlos untadelig in der Intonation spielt darauf Frank Peter Zimmermann das Violinkonzert von Mendelssohn. Es ist ein Auftritt von gebotener Solisten-Wiederkehr, ohne dass dem fortwährenden Tönen der Musik, ihrem funkelnden Charme besondere Eigenschaften abgelauscht würden. Der Geiger, der „bei allen wichtigen Festivals und allen berühmten Orchestern“ mitmacht, hat an Innenspannung seiner Interpretation verloren und erntet, auf Edelton bedacht, erheblichen Beifall. Um sich dann als Zugabe in einen Bartók-Satz wirklich zu versenken.

Mendelssohn sei "eine Mücke", schreibt Wagner

Mendelssohn kombiniert mit Richard Wagner: Das „Judenthum in der Musik“ ist nicht weg zu denken aus so einem Programm. Er sei eine „Mücke“ in der Schöpfungs-Geschichte, ein Vielschreiber von „seichter Conversation“ wirft der Bayreuther Meister dem vier Jahre älteren Komponisten voller „Widerwillen“ vor. Dabei ist bemerkenswert, dass der Name Mendelssohn die Tagebücher Cosima Wagners durchzieht bis ins Jahr vor dem Tod Richard Wagners: „R. spielt mehrere Mendelssohnsche ,Lieder ohne Worte‘“ heißt es im Oktober, um auf deren „Dürftigkeit“, etwas später „semitische Aufgeregtheit“ (November 1882) zu kommen.
Das „Meistersinger“-Vorspiel passt in ein Thema beider Komponisten: Kontrapunkt. Unter Fischer erklingt das beliebte Stück mit dem Akzent mehr auf „Sehr gewichtig“ und „immer ff“ als auf dem „Dolce“ der Holzbläser und Violinen. Aber das Wagner-Potpourri führt ohne nennenswerte Zäsuren über Orchesterszenen aus „Götterdämmerung“ mit feinem Hornruf zu dem schwärmerischen Höhepunkt des „Tristan“. Würde man „Isoldes Liebestod“ auch lieber mit einer Sängerin hören, so wird das Arrangement von Wagner selbst dank der Leistung Fischers und der Musiker doch konzertant „höchste Lust“.

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