Das Mahler Chamber Orchestra mit Patricia Kopatchinskaja im Kammermusiksaal. Foto: Stephan Rabold
© Stephan Rabold

Konzert im Kammermusiksaal Anspielen gegen das Artensterben

Höchster Alarm: Ein erschütternder, heißblütig-trauriger, aufwühlender Auftritt der Geigerin Patricia Kopatchinskaja mit dem Mahler Chamber Orchestra.

Es ist zu spät. Wer es nicht weiß, ahnt es: Die Erde, wie wir sie kannten, ist verloren. Unser ach so kluger, ach so bequemer Geist hat die natürliche Balance so geschädigt, dass alles kippt. Geigerin Patricia Kopatchinskaja, zur Zeit Artist in Residence der Berliner Philharmoniker, treibt das seit Jahren um.

Patricia Kopatchinskaja will nicht einfach nur muszizieren

Sie will nicht einfach „musizieren“, während draußen Klimawandel und Artensterben den Planeten für immer verändern. Jetzt hat sie mit dem Mahler Chamber Orchestra ein erschütterndes, heißblütig-trauriges, aufwühlendes Konzert im Kammermusiksaal gegeben: „Les Adieux“ – die Abschiede.

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Das ist bekanntlich der Beiname einer Klaviersonate von Beethoven, die hier aber nicht erklingt. Stattdessen jenes Werk, das wie kein zweites die Majestät der Natur einfängt – und die Empfindungen, die sie beim Betrachten auslöst. Eine Natur, die es so, wie Beethoven sie vor den Toren Wiens erlebt haben muss, kaum noch gibt: die 6. Symphonie, die Pastorale.

Die Geigerin tritt barfuß auf

Das Podium mit schwarzem Laub bedeckt, Kopatchinskaja barfuß, wegen der Verbindung zur Erde? Zu hören ist reiner Beethoven, doch sanft-intelligent weitergedacht. Hier ein ungewöhnlich langes Rubato, dort eine in die Länge gezogene Wiederholung desselben Motivs. Keine Dekonstruktion, mehr eine Neuinterpretation, eine Öffnung zur Gegenwart. Auf Monitoren stürzen Vögel zu Boden, während die Bläser die Laute von Amsel und Nachtigall imitieren.

Das ist nicht mit der Faust aufs Auge gemacht, die Musik wird komplett respektiert. Motorsägen kreischen, im Amazonas fallen Bäume. Hat die Menschheit, wenn sie Figuren wie Jair Bolsonaro hervorbringt, noch Zukunft? Zum Gewitter im vierten Satz steht die Welt in Flammen, Waldbrände, jeden Sommer. Ein Orang-Utan klammert sich an einen Bagger, es ist nicht zu ertragen.

Eine endlose Reihe ausgestorbener Tierarten zieht vorüber

Bei Beethoven zieht das Gewitter ab, die lieblichen Melodien kehren zurück. Doch zu Zuversicht besteht kein Anlass, deshalb: Abbruch. Es folgt direkt der Trauermarsch aus der „Eroica“. Eine endlose Reihe ausgestorbener oder bedrohter Arten wandelt vorüber: Insekten, Meerestiere, große Landsäuger.

Fast 40 Musiker und Musikerinnen auf dem Podium, die relative Enge lässt die Musik noch unmittelbarer, fast bruitistisch wirken. Über Schumann, Schostakowitsch und Nono geht der Abend zu Ende, schließlich zieht ein Solist (Abraham Cupeiro) mit einem antiken Blashorn, einem Carnyx, vorüber. Es klingt wie eine Alarmsirene.

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