Der Name Tills steht für eine traurige Kontinuität rassistischer Gewalt

Zerstörung gefordert. Dana Schutz’ Bild „Open Casket“. Foto: J. Schmitt-Tegge / dpa
Kontroverse um „Open Casket“ von Dana Schutz Im Leid geteilt

Hannah Black fordert jedoch die Zerstörung des Gemäldes „Open Casket“, weil sie einen Exklusivanspruch ihrer Gemeinschaft auf die Verwertungsrechte bestimmte ikonischer Symbole beansprucht. Die Privilegierung der „black experience“ (im Sinne der Erfahrung von Rassismus) als Sinn- und Identitätsstiftendes Merkmal, das alle Menschen schwarzer Hautfarbe teilen würden, führt zu einem Selbstverständnis, das letztlich weniger mit politischer Korrektheit, aber umso mehr mit den harschen ökonomischen Bedingungen am Kunstmarkt zu tun hat. Schwarze seien ihnen wesentlich stärker ausgesetzt als Weiße, so das Argument. Natürlich muss derlei Essentialisierung der eigenen Gruppenzugehörigkeit als problematisch gelten. Ein trotziger Verweis auf die Freiheit eines jeden Künstlers, sich mit völliger Unbefangenheit den Themen seiner Wahl zu nähern, wird der Tragweite der Debatte dennoch nicht gerecht. Vielmehr ist es sinnvoll, sich „Open Casket“ über das Vermächtnis Emmett Tills zu nähern.

Wie kein anderer steht der Name Tills in seinem Heimatland für eine traurige Kontinuität rassistischer Gewalt, die sich von der Verschleppung und Versklavung, über die Jahre der Segregation bis hin zu den jüngsten Todesfällen von Männern wie Trayvon Martin oder Michael Brown zieht. Historisch gewann der Fall nicht allein deshalb an Brisanz, weil er in eine Zeit des wachsenden öffentlichen Unmuts über die rassistische Jim Crow-Gesetzgebung fiel – der in der Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre gipfelte. Eine wichtige Rolle spielten auch die explosionsartig wachsenden Medien. Das Time Magazine, damals mit einer wöchentlichen Auflage von immerhin fast 2 Millionen, schrieb nach der Urteilsverkündung: „Das Gefühl, dass der Fall Till in den Vereinigten Staaten hinterlässt, deutet darauf hin, dass etwas geschehen muss.“ Eine derart kritische Berichterstattung über einen ungeklärten Mordfall in einer Kleinstadt, Tausende von Kilometern entfernt, wäre lange Zeit kaum denkbar gewesen. Doch sowohl das gesellschaftliche Klima als auch die Kommunikationskanäle hatten sich verändert.

Weiße Künstler greifen Emmett Tills Schicksal auf

Tatsächlich fühlte sich daraufhin eine Reihe weißer Künstler genötigt, sich endlich zu positionieren. Bob Dylan veröffentlichte einen Protestsong aus der Sicht eines Nordstaatlers, der vom Fall aus der Zeitung erfuhr. Fast 50 Jahre später schrieb die Country-Sängerin Emmylou Harris einen Song aus der Perspektive Tills, dessen Zeilen sich wie eine Blaupause für die einfältigste Art der Nacherzählung afroamerikanischen Leids lesen: „Man konnte mich nicht mehr erkennen / die Verstümmelung war so groß.“ Ungleich komplexer beschrieb Harper Lee in ihrem 1960 erschienenen Roman „Wer die Nachtigall stört“ einen Fall rassistischer Justiz aus Sicht der Tochter eines weißen Strafverteidigers, der einen zu Unrecht beschuldigten schwarzen Angeklagten vertrat. In der gelungensten Repräsentation des Falls ist Till jedoch gar nicht zu sehen. Der Fotograf Joel Sternfeld hielt schlicht das Gemischtwarengeschäft fest, vor dessen Tor das Anbandeln mit einer weißen Frau Till zum Verhängnis wurde.

Während Figuren wie Emmett Till und Rosa Parks innerhalb der Bürgerrechtsbewegung zu Ikonen des Widerstands gegen die rassische Vorherrschaft gerieten, zeigen Beispiele wie diese, wie ein sich schuldlos gebendes weißes Amerika wiederholt des Schicksals einzelner Afroamerikaner angenommen hat. Mal mit, mal ohne sensationalistische Attitüde. Dana Schutz schreibt sich mit ihrer Hommage an Emmett Till in eine Geschichte ein, deren Tragkraft sie nicht steuern kann. Man kann ihr vorwerfen, dass sie mit ihrer abstrahierenden Malerei die Grenze zum schmerzhaft Grotesken nochmals überschritt, welche schon in der Originalfotografie Emmett Tills aufgehoben schien.

Schutz beteuert, ihr Bild beweise etwas

Dadurch ergibt sich ein widersprüchliches Bild. Auf der einen Seite ist in vielen Bildern von Dana Schutz’ Serie „Waiting for the Barbarians“, in deren Kontext „Open Casket“ steht, ein reges Interesse an der Verschmelzung von realen und medial vermittelten Repräsentationen zu erkennen. Schutz stellt darin Szenen dar, in denen triviale Alltagssituationen auf im Fernsehen übertragene Gewaltdarstellungen treffen. Andererseits ist eine solche Vielschichtigkeit ausgerechnet in besagtem Gemälde nicht erkennbar – wo doch durchaus eine Chance bestanden hätte, sich einem so wirkmächtigen Symbol wie Emmett Till angemessen zu nähern. Dass Dana Schutz dazu auch noch beteuert, ihr Bild beweise, dass „wirklich etwas passiert“ sei, ist befremdlich, liegt der Fokus der zugehörigen Serie doch gerade auf der Ununterscheidbarkeit zwischen Wirklichkeit und Simulation. Ein Gemälde von Emmett Till verweist, im Gegensatz zu einer dokumentarischen Fotografie, gerade nicht auf authentische Vorkommnisse, sondern geht zwangsläufig den Umweg einer künstlerischen Interpretation. Wenn Schutz wirklich glaubt, ihr Bild beweise etwas, hätte sie es besser gleich sein lassen. Wo „Open Casket“ als Beitrag zur Aufarbeitung einer traumatischen Geschichte scheitert, so zeigt es aber zumindest, wie Kunst vermag, gesellschaftliche Spannungen offenzulegen – sodass man sich an ihnen abarbeite.

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