Trio con brio. Ainars Rubikis (links), Barrie Kosky, Susanne Moser.  Foto: Jan Windszus
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Komische Oper Die Alleskönner

Barrie Kosky präsentiert die Pläne der Komischen Oper für 2019/20 – und blickt voraus auf die Sanierung des Hauses.

Eine Botschaft ist dem Intendanten wichtig: „Wir sind kein Operettenpalast!“ Auch wenn man das angesichts der Erfolge, die Barrie Kosky an der Komischen Oper seit nun mehr sieben Jahren mit der leichten Muse in Serie feiert, durchaus so wahrnehmen könnte. Doch die Zahlen, die seine Geschäftsführerin Susanne Moser parat hat, belegen, dass auch die Inszenierungen der „ernsten“ Musik hier prächtig laufen. Von September 2018 bis März 2019 lag die Platzauslastung im Durchschnitt aller Produktionen bei 94,6 Prozent.

Und ganz bewusst startet Barrie Kosky die neue Spielzeit nicht mit etwas Lustigem, sondern mit einem schweren Brocken. Mit Hans Werner Henzes „The Bassarids“ nämlich, uraufgeführt 1965 und inspiriert von der Archaik der antiken Tragödie. Für Kosky handelt es sich um ein Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts, und er ist froh, mit Vladimir Jurowski einen Dirigenten an seiner Seite zu haben, der das genauso sieht.

Dass unter den neun Premieren der kommenden Saison gerade mal ein altbekannter Hit ist, macht deutlich, wie sehr Kosky mittlerweile darauf vertrauen kann, das ihm das Publikum vertraut. Giuseppe Verdis „Traviata“ hat sich Chefdirigent Ainars Rubikis gewünscht, für die Titelpartie stehen mit Nadja Mchantaf und Vera-Lotte Böcker gleich zwei Sängerinnen aus dem eigenen Ensemble bereit. Regisseurin Nicola Raab verspricht, szenisch sowohl die Nöte der Kurtisanen des 19. wie auch die der Sexarbeiterinnen des 21. Jahrhunderts darzustellen.

Griff in die Raritätenkiste

Verdiente Helden des Musiktheaters prägen weitere Produktionen: Richard Jones wird sich Händels „Jephta“ annehmen, der frühere Intendant Andreas Homoki kehrt als Gast für Jaromir Weinbergers „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“ zurück. Und der seit Montag glücklich aus dem Hausarrest entlassene Kirill Serebrennikow widmet sich Strawinskys „Rake’s Progress“. Für die Kinderoper schließlich, die jährlich 40 000 junge Besucher anzieht, hat die Komische Oper nach drei Jahren des Ringens die Rechte für „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ ergattert. Elena Kats-Chernin wird die erste Opernversion des Michael- Ende-Klassikers komponieren.

Richtig tief in die Raritäten-Kiste wird für die drei Unterhaltungstheaterstücke der nächsten Saison gegriffen: Weinbergers „Frühlingsstürme“ war die letzte Operette der Weimarer Republik, für Richard Tauber geschrieben, Ende Januar 1933 uraufgeführt, von den neuen Machthabern nach 20 Vorstellungen verboten und dann vergessen. Die Inszenierung ist Chefsache, ebenso wie beim Kabarettabend „Ich wollt ich wäre ein Huhn“, für den Kosky, die Sängerin Anne Sofie von Otter, der Schauspieler Wolfram Koch und Adam Benzwi als musikalischer Leiter kaum bekannte Chansons aus den 20er und 30er Jahre ausgewählt haben. Paul Abrahams „Dschainah“ kam 1935 in Wien heraus, wohin der Komponist vor den Nazis geflohen war. Mit 84 Jahren Verspätung erlebt die in Saigon angesiedelte melancholische Operette nun endlich ihre deutsche Erstaufführung, im Dezember, in konzertanter Form.

Stadtweite Präsenz ist der Plan

Immer konkreter werden unterdessen die Pläne für die Exilzeit der Komischen Oper während der auf fünf Jahre angesetzten Sanierung ab Herbst 2022: Kosky gibt dann die Intendanz an Susanne Moser und den jetzigen Operndirektor Philip Bröking ab, bleibt beiden aber als Berater verbunden – und als Hausregisseur, der pro Spielzeit eine Oper sowie ein Musical inszeniert. Und zwar an möglichst spektakulären Orten in der Stadt, denn anders als im Fall der Staatsoper soll das Schillertheater der Komischen Oper nicht als Ersatzbühne dienen. Nur zweimal pro Jahr will man Schwerpunkte in Charlottenburg setzen, ansonsten soll der Standort lediglich Probenzentrum und Bürogebäude sein. „Wir müssen überall in Berlin präsent bleiben, in Ost, West, Nord und Süd“, betont Kosky.

Für die 220 Millionen Euro, die der Berliner Senat investiert, ist neben der Sanierung des Stammhauses inklusive einer Wiederherstellung der ursprünglichen, weißen Eingangsfassade sowie der Ausstattung des Zuschauerraums mit einer Klimaanlage auch der Neubau eines Gebäuderiegels für Künstler und Administration drin. Der wird sich an der Glinkastraße von Unter den Linden zur Behrenstraße erstrecken. Eine internationale Ausschreibung wird gerade vorbereitet, bis Mai 2020 soll feststehen, welches Architekturbüro den Zuschlag für das Prestigeprojekt erhält.

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