Das Loriot-Sofa mit Mops aus Bronze vor dem Haupteingang des Funkhauses von Radio Bremen. Foto: Ingo Wagner/dpa
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Kolumne Zimmerreise (13) Der Platz für die Helden der Pandemie

Auch in den eigenen Wänden können sich Welten auftun. Wir bleiben zu Hause – und lassen uns das Reisen nicht nehmen. Dieses Mal auf dem britischen Loriot-Sofa.

Irgendwann im vergangenen Jahr hatte es dann auch die Politik erkannt: Die wahren Helden der Pandemie saßen 2020 auf dem Sofa. Und so wurden im Fernseh-Spot der Bundesregierung ausgerechnet jene schlaffen Kreaturen zu Rettern stilisiert, die man im Englischen gemeinhin als Couch-Potatoes bezeichnen würde. Man solle „faul wie die Waschbären“ herumlümmeln, hieß es – bloß keinen Fuß vor die Tür setzen. Habe ich dann auch gemacht. Ein Mal wollte ich doch Held sein.

Walter Benjamin bezeichnete die Nutzungserscheinungen am Interieur, die Rückschlüsse auf die abwesenden Bewohner zulassen, als „Wohnspuren“. Würde in diesen Tagen ein Fremder durch meine Zimmer wandeln, ihm fiele sofort eine tiefe Sitzkuhle ins Auge. An jener Stelle der neuen Eck-Couch, wo ich tagtäglich im Schneidersitz meine Stunden im Home Office bestritt Durchgesessen nach nur einem Jahr.

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Da lobe ich mir doch die Robustheit des grünen Loriot-Sofas, das ich vor einigen Jahren von meiner Großmutter erbte. 3000 Mark soll es selbst antiquarisch noch gekostet haben, erzählte sie nur zu gerne. Damals, als es noch im nordhessischen Zierenberg stand, thronten darauf Porzellanpüppchen auf bestickten Kissen – die auch dann dort sitzen blieben, wenn sich die Familie um den Kaffeetisch versammelte. Nicht zu schwungvoll, weil sonst das Möbelstück die fein drapierten Brokatvorhänge verschieben könnte.

Ein Hauch von viktorianischer Opulenz

Da ein Zweig der Familie in Großbritannien lebt, war im Haus der Großeltern ein Salon im viktorianischen Stil eingerichtet. Ein floraler Traum aus Samt, Leder und Satin. Die Lampenschirme hatte man extra von der Insel importiert. Und mittendrin als „Eyecatcher“: das grüne Sofa. Stilbewusst, behaglich und repräsentativ, würden die einen sagen. Bieder, steif und gutbürgerlich, die anderen.

Zwischen Ottomanen und Teakholz-Tischchen verspeisten wir hier ungezählte Stunden lang Tiefkühltorten vom kostbaren Familiengeschirr. Und jedes Mal war es eine kleine Zeitreise ins 19. Jahrhundert des British Empires. Man hätte eine Kordel vor die Haustür hängen können, so museal wirkte der Raum. Nach dem Brexit werde ich bald wieder einen Reisepass brauchen, um die Insel zu betreten. Doch ein Hauch von viktorianischer Opulenz und Luxus findet sich nun in meiner Berliner Wohnung. Wenn ich die Serie „The Crown“ über das britische Königshaus schaue, dann schweift der Blick manchmal stolz hinüber zum grünen Sofa.

Zugegeben, sonderlich museal wirkt es nicht mehr. Könnte meine Oma noch zu Besuch kommen, würde sie es unter Wäschebergen und Dokumentenstapeln kaum wiederfinden. Und auch wenn ich mir fest vorgenommen habe, es endlich mal freizuräumen: Porzellanpüppchen werden darauf keinen Platz mehr finden. Der ist für die Helden der Pandemie reserviert.

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