Gesagtes verhakt sich im Hirn. Foto: IMAGO / fStop Images
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Kolumne „Spiegelstrich“ Warum wir auf Lügen hereinfallen

Klaus Brinkbäumer

Nicht klug, aber bequem: Wir glauben gerne, was uns nah ist. Und ignorieren, was dem widerspricht. Das ist gefährlich.

Klaus Brinkbäumer ist Programmdirektor des MDR in Leipzig. Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter @Brinkbaeumer.

Warum nur glauben wir Quatsch? Wieso beeinflusst irgendein Unfug, den irgendwer irgendwo erzählt oder postet, unser Denken?

Die Neurowissenschaftlerin und Medienpsychologin Maren Urner, die wir in der vergangenen Kolumne kennenlernten, sagt, dass alles, das im glaubhaften Umfeld behauptet werde, sich in unseren Hirnen verhake, selbst wenn es falsch sei und sofort dementiert werde. Wird es wiederholt, verhakt es sich umso tiefer. Ich sollte also nicht schreiben: „Dass Olaf Scholz grüne Haare hat, ist Unfug.“ Denn welches Bild haben Sie nun im Kopf?

Der Mensch, ein denkfaules Wesen

Der britische Ritter Sir John Mandeville reiste im vierzehnten Jahrhundert ins ferne Indien und weiter durch Afrika und kehrte mit der Nachricht zurück nach London, dass er Bäume entdeckt habe, in deren Früchten Lämmer wüchsen; höchstpersönlich habe er die Lammfrucht verspeist, sie schmecke fantastisch. Die Geschichte von den Schafen, die auf Bäumen wüchsen, galt fortan als bewiesene Wahrheit.

Daniel Kahnemann, Psychologe, beschreibt uns als denkfaule Wesen: Wir kämen durch den Gebrauch von System 1 unseres Hirns bestens durchs Leben, dieses System 1 aber ist impulsiv, spontan, oberflächlich, und System 1 fällt auf Vorurteile herein, weil das eben nicht anstrengend ist, es vereinfacht, und es lässt sich täuschen, beispielsweise durch den Gruppendruck einer Herde. System 2 gibt es zwar auch, und System 2 kann logisch denken, ist lernfähig, da es zu analysieren vermag. Wir benutzen System 2 aber lieber nicht, weil dies anstrengend wäre.

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Was wir nun glauben, beruhe nur zum kleinsten Teil auf eigenen Erfahrungen und vielmehr auf den Erzählungen und Erlebnissen anderer, das schreiben die amerikanischen Philosophen James Owen Weatherall und Cailin O’Connor. Diese fremden Erfahrungen seien allzu oft gefälscht, denn wir lebten in einer Ära der Desinformation („Spin, Marketing und glatte Lügen“, schreiben die zwei), die geprägt werde durch die Wucht von Lügenmaschinen wie Facebook sowie die Professionalität jener, die uns täuschten.
Selbst die klügsten Analytiker ließen sich mitreißen, wenn sie von überzeugend redenden, dem Anschein nach gleichfalls klugen Analytikern umzingelt würden. O’Connor und Weatherall belegen in ihren Experimenten, dass gut gefälschte Daten und schon ein, zwei sogenannte Agenten, die gekonnt argumentierten, ausreichten, um einen ganzen Tross von Forschern von einem korrekten Resultat fortzuführen und von dessen Gegenteil zu überzeugen.

Menschen ohne Vorurteil gibt es nicht

Trump ist um den Wahlsieg betrogen worden? Der Klimawandel ist nicht bewiesen? Die Ukraine bedrohte Russland? Wenn es eine seriöse Quelle sagt …

Wir alle und natürlich auch Wissenschaftler neigen dazu, Ergebnisse herbeizuwünschen, die den eigenen bisherigen Erkenntnissen entsprechen; und darum jene Ergebnisse von Kolleginnen und Kollegen ernster zu nehmen, denen wir uns menschlich nahe fühlen. „Confirmation bias“ bedeutet: Wir nehmen jene Informationen gern auf, die unserem bisherigen Glauben entsprechen; wir ignorieren jene anderen, anstrengenden, die dem widersprechen, was wir uns wünschen.

Der Philosoph Kevin Zollman sagt, dass Wissenschaftler, die an einem wichtigen Problem arbeiteten, in der entscheidenden Phase ihrer Arbeit so wenig wie möglich mit anderen Wissenschaftlern kommunizieren sollten, um geistig unabhängig zu bleiben. Menschen ohne politischen und kulturellen Hintergrund, ohne Emotion und Vorurteil gebe es nicht, schreiben Weatherall und O’Connor.

Denn soziale Wesen strebten nach Beifall und fürchteten Ausgrenzung, sie wollten nun einmal dazugehören und gemocht werden.

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