Tom Buhrow ist WDR-Intendant Foto: Oliver Berg/dpa
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Kolumne „Spiegelstrich“ Die Kollegen den Löwen zum Fraß vorgeworfen

Klaus Brinkbäumer

Die Intendanten Tom Buhrow und Ulrich Wilhelm hätten die eigenen Mitarbeiter schützen sollen. Sie haben den Lärm über- und die wahre Bedrohung unterschätzt.

In Zeiten, in denen es heikel wird, wünschen sich Arbeitnehmer umsichtige Chefs; ruhige, selbstsichere, ehrliche. Da Hierarchie Macht zuteilt, sind die Machtlosen auf die Fairness und, besser, auf die Solidarität oder, das wär's!, auf die Stärkung und Förderung durch die Mächtigen angewiesen.

Ich kenne die beiden Intendanten Tom Buhrow (WDR) und Ulrich Wilhelm (BR) als bedachte Menschen, sogar als furchtlose. Passiert ist es ihnen trotzdem: Beide haben Kollegen, die kompetent, doch in der Hierarchie der Sender wehrlos sind, fallen gelassen. Geopfert. Den Löwen zum Fraß vorgeworfen.

Dies sind die drei deutschen Begriffe für das, was in den USA „throwing under the bus“ heißt: Der Stärkere wirft den Schwächeren unter (oder eher wohl vor) den Bus, damit der Stärkere unversehrt davonkommt. Sollte das Amtsenthebungsverfahren für Präsident Donald Trump bedrohlich werden, wird dieser seinen Anwalt Rudy Giuliani vor den Bus werfen. Dafür bekommt Giuliani sein Honorar.

Das Umweltsau-Liedchen weckte rechte Empörung

Die zwei deutschen Fälle sind nicht identisch. Als das nette „Umweltsau“-Liedchen des WDR nach vielen Wochen unbeachteter Existenz durch eine gezielte Kampagne von rechts zum Mittelpunkt zuerst digitaler und dann gebrüllter Empörung wurde, entschuldigte sich Buhrow schnell und fulminant, nämlich „ohne Wenn und Aber“ und übersah, dass es auch die Möglichkeit gibt, zugleich Senioren ernst zu nehmen („Wir wollten Sie nicht beleidigen …“) und zum eigenen Beitrag zu stehen („… aber das ist Satire.“).

[Wir brauchen eine radikale Sprachdiät – die aktuelle Spiegelstrich-Kolumne von Klaus Brinkbäumer lesen Sie hier]

Aus dem BR wiederum ist zu hören, dass Wilhelm zwar nicht nichts für seinen Mitarbeiter Richard Gutjahr getan hat; aber ein aufmerksamer Chef war er wohl auch nicht. Dieser volle Terminkalender! Gutjahr wird seit drei Jahren – seit er über die Anschläge von Nizza und München berichtete – von Neonazis und sogenannten Reichsbürgern diffamiert und denunziert, es gab Morddrohungen. Es gab wenig Hilfe von oben.

Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer. Foto: Tobias Everke Vergrößern
Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer. © Tobias Everke

[Klaus Brinkbäumer war zuletzt Chefredakteur des „Spiegel“ und arbeitet heute als Autor unter anderem für „Die Zeit“.
Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter @Brinkbaeumer.]

Die Sache mit Wut und Kampagnen ist diffizil. Nicht jeder Tweet von „Bild“-Chef Julian Reichelt ist ein Shitstorm; Journalisten neigen sowieso dazu, das Randmedium Twitter mit der Wirklichkeit zu verwechseln. Rechter Hass wiederum wird orchestriert und choreografiert. Harald Staun trifft es punktgenau, der in der „F.A.S“ schreibt, die Intendanten hätten es geschafft, digitales Feedback zugleich zu über- und zu unterschätzen.

Trümmerfrau statt Umweltsau. AfD-Protestzug gegen die ein Satire-Lied am Sonnabend vor dem WDR in Köln. Foto: Roberto Pfeil/dpa Vergrößern
Trümmerfrau statt Umweltsau. AfD-Protestzug gegen die ein Satire-Lied am Sonnabend vor dem WDR in Köln. © Roberto Pfeil/dpa

Hier nämlich liegt das Problem: Es ist eine Methode autoritärer Parteien oder Systeme, gesellschaftliche Parameter dadurch zu verschieben, dass sie die Freiheitsgefährdung durch Liberale unterstellen – die „Umkehrung der Verhältnisse von Opfern und Tätern, in der die Feinde der Freiheit sich verfolgt sehen von deren Verteidigern“, so nennt es der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering in „Was heißt hier ‚wir‘?“.

Darf man in Deutschland noch sagen, was man denkt? Klar, wieso nicht?

Die Wiederholung von Schlagwörtern erschüttert die Glaubwürdigkeit

Aber durch die permanente Wiederholung von Schlagwörtern wie „Lügenpresse“, „Staatsfunk“ oder „Volksverräter“ wird die Glaubwürdigkeit von Medien systematisch erschüttert. Und jede bereits durch die Bezeichnung „politisch korrekt“ ironisierte empathische, liberale, gewaltfreie Grundhaltung wird weiter diskreditiert.

So kann der Appell, nicht mehr „Neger“ oder „Fräulein“ zu sagen, zur Einschränkung der Meinungsfreiheit erklärt werden. So wird Fortschritt umgekehrt.

„Die Grundstruktur hat sich verfestigt“, sagte mir Renate Künast, die ständigem Cyber-Mobbing ausgesetzt ist, „bundesweite AfDler, Pegida-Leute aus Sachsen und Identitäre aus Nordrhein-Westfalen haben ein manifestes Weltbild und lösen beieinander das Gefühl aus, dass sie viele sind.“

Intendanten und andere Chefs sollten diese Welt kennen. Dort leben und arbeiten ihre Angestellten. 

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