Neues Lebensgefühl: die zweite Impfung, besser als ein negativer Coronatest. Foto: imago images/Eibner
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Kolumne „Spiegelstrich“ Besser als das „Negativ“ im Testprotokoll

Klaus Brinkbäumer

Diese Folge des Corona-Tagebuchs führt nach Münster, erzählt vom Leben nach der zweiten Imfpung und fragt, warum so viele über Corona-Tagebücher schimpfen.

Nach der zweiten Injektion die 15 Minuten im Wartezimmer. Ein Violinenkonzert, passend, und wir denken zurück an 15 Pandemiemonate, an Pläne, die wir hatten, ehe es begann, an die Stadt, New York, in der wir lebten, an die letzte Oper („Rosenkavalier“), den letzten Urlaub (Ogunquit, Maine), an berufliche Trennungen, die beiläufig, doch pünktlich zur Pandemie das Ende von Freundschaften bedeuteten, wir denken an Distanz auf zu vielen Ebenen. So ist das Leben also auch, verstanden, danke dir, Leben, recht herzlich für diese bestimmt wertvollen Lektionen, können wir nun wieder etwas anderes lernen? Das Gitarrensolo aus „Born to run“? Und Foilen, das Segeln auf Tragflächen?

– Die zweite Impfung befreit. Lässt singen, lässt tanzen, lässt lachen. Der Rausch unserer Zeit, besser sogar als das „Negativ“ im Testprotokoll.

– Geimpft wurde ich, da A. zu pflegen ist, und A. stürzt, als wir bei ihr in Münster sind, 15 Meter entfernt sitzen wir, als sie fällt, immerhin sind wir dort. Es ist ein Oberschenkelhalsbruch. Tage ohne Verbindung folgen, A. im Krankenhaus, nicht verstehend, warum wir nicht bei ihr sind, sechs Tage lang dürfen wir nicht. Dann dürfen wir doch, geimpft und negativ.

– Coronadebatten hatten wir an dieser Stelle schon. Micky Beisenherz ist einer meiner Lieblingsjournalisten, da er moderieren und schreiben kann und vor beidem denkt. Nun schreibt ausgerechnet Beisenherz ausgerechnet in der Lieblingszeitung „SZ“ ausgerechnet einen Coronabefindlichkeitstagebuchtext. Darin schimpft er auf Coronatagebücher, was ungefähr so stringent ist wie die „F.A.S.“, die in der einen Woche David Grossman ein wunderzartes Coronatagebuch schreiben ließ, um in der nächsten Woche alle Coronatagebücher ekelerregend zu finden.

Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer. Foto: Tobias Everke Vergrößern
Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer. © Tobias Everke

Darum: Liebes Coronatagebuch, heute habe ich gelernt, dass Genreverdammungen selten intelligent sind, denn meistens kommt’s auf den jeweiligen Text an. Denn, klar: Ein Tagebuch kann kitschiger Quatsch sein. Fang Fang aber hat aus Wuhan Texte geschrieben, welche die Weltkrise an ihren Ausgangspunkt zurückführen, ein wenig repetitiv wie die meisten Tagebücher, doch glockenklar, warm, scharf, vor allem dringlich: Sie war nun einmal dort in jenen Tagen, und wir überleben mit Fang Fang und lernen von ihr für das nächste Mal.

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Warum halten Verlage, Parteien, Orchester ihre eigenen Besten nicht aus?

– Dass ich die „Bild“-Zeitung einmal gegen den verehrten Micky Beisenherz verteidigen würde, hätte ich auch nicht gedacht. In sein „SZ“-Tagebuch schreibt Beisenherz hinein, dass die „naheliegendste“ und „beste Geschichte“ sei, dass er sich in Köln bei dem Schauspieler Martin Semmelrogge mit Covid-19 infiziert habe. „Bild“ greift es auf, und Beisenherz will nur gescherzt haben, doch wer „naheliegendste“ als „wahrscheinlichste“ liest, hat’s halt so verstanden wie die „Bild“. Ergebnis: Beisenherz sauer auf „Bild“, Semmelrogge sauer auf Beisenherz, „Bild“ auch sauer. Ein Chefredakteur der „Süddeutschen“ erklärt’s mit „literarischer“ Freiheit, was bei journalistischen Texten auch speziell ist. Sagte ich es? Ich mochte deutsche Debatten vor Corona wirklich viel, viel lieber.

– Nach Nils Minkmar verlässt Volker Weidermann den „Spiegel“, und ich staune allgemein und abstrakt und immer neu über Orchester, Mannschaften, Redaktionen, Buchverlage, Parteien, Firmen, Gesellschaften, die ihre eigenen Besten nicht aushalten.

– Die Kunst der Verneinung beherrscht der Musiker Danger Dan, welcher der „Zeit“ über die Absurditäten des Musikgeschäfts dies erzählte: „Warner gibt uns kein Geld, als Vertrieb nehmen die uns welches. Aber das Gute ist, dass ich ja nicht nur kein BWL-Student bin, sondern auch kein BWL-Dozent: Ich muss das niemandem erklären.“

[Klaus Brinkbäumer ist Programmdirektor des Mitteldeutschen Rundfunks in Leipzig. Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter:@Brinkbaeumer.]

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