Die Titelseite von Prousts "Mes confidences". Foto: AFP/CHRISTOPHE ARCHAMBAULT
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Kolumne Literaturbetrieb Fragen und Geständnisse von Proust

Überall ist Albertine: In Paris ist ein Heftchen mit dreißig Fragen und „Geständnissen“ aufgetaucht, das Proust kurz vor seinem 16. Geburtstag beschrieb.

Er hat es noch einmal getan. Oder genauer: einmal mehr getan als bekannt. Marcel Proust hat den berühmten Fragebogen nicht nur zweimal, sondern dreimal ausgefüllt. In Paris ist ein Heftchen mit dreißig Fragen und „Geständnissen“ („Mes Confidences“) aufgetaucht, das Proust kurz vor seinem 16. Geburtstag beschrieb. Darin kommt er bei der Beantwortung der Fragen oft auf die Liebe zurück, diese „Plage der Welt“ und „scheußliche Narretei“, wie er auf der Rückseite noch einen seiner Lieblingsdichter zitiert, Alfred de Musset.

Nicht zuletzt diese süße Plage war es, die zu der „Recherche“ führte, zu den Tausenden von wundervollen Seiten über beispielsweise die Liebe von Swann zu Odette. Oder natürlich auch über die des Erzählers zu Albertine, der jungen, erst von Marcel Gefangenen, dann Geflüchteten; eine Liebe, die Proust in dem vorletzten Band der „Recherche“ als eine analysiert, die sich auf die gesamte „kleine Schar“ junger Frauen bezog, die er seinerzeit in Balbec kennenlernte. Und gleich noch mehr: „Hatte ich nicht vielleicht das erste Mal in Balbec vor allem deshalb so sehr gewünscht, Albertine kennenzulernen“, heißt es in „Die Entflohene“, „weil sie in meinen Augen alle die jungen Mädchen verkörperte, denen auf Straßen und Feldwegen meine Blicke so oft nachgegangen waren, weil ich deren Leben in ihr wie in einer Zusammenfassung erblicken konnte. Und war es nicht natürlich, dass jetzt der untergehende Stern meiner Liebe, in der sie alle sich verdichtet hatten, von neuem in aufstäubende Sternennebel zersprühte? Alle schienen mir Albertinen zu sein, da ich auf Grund des Bildes, das ich in mir trug, sie überall wiederfand und mit an der Wendung einer Allee eine, die gerade in ihr Auto stieg, sie mir derart in Erinnerung rief, (...), dass ich mich einen Augenblick fragte, ob ich nicht sie vor mir sähe und man mich nicht getäuscht hätte, als man mir ihren Tod mitteilte.“

Proust stellt Mädchen nach und wird auch selbst gestellt

Wer diesen Band von Prousts Werk wiederliest, gerade in Zeiten von MeToo, ist verblüfft darüber, in wie vielen jungen Frauen Prousts Erzähler Albertine wiederzufinden sucht, wie viele er mit nach Hause nimmt, Wäscherinnen, Fischer- und Milchmädchen; wie er sie sich auf den Schoß setzt, „glättend über Madonnenscheitel“ streichelt, „kleine wohlgeformte Nasen“ bewundert.

Er stellt ihnen nach – und wird einmal selbst auch gestellt, da bekommt er nämlich Besuch von der Polizei, weil die Eltern eines Mädchens Anzeige erstattet haben. Ob Proust all das heute noch so frank und frei erzählen könnte? Ob ihn die vielen homosexuellen Beziehungen in seinem Werk, die komplexe sexuelle Gemengelage seines Figurenensembles ausreichend schützen würden, überhaupt das damit verbundene, vielfältige Zusammenspiel von Liebe und Leiden, Erinnerung, Gewohnheit und Vergessen?

Vermutlich hätte er sich gesagt, dass die Wahrheit und das Leben sowieso schwer zu bewältigen seien – und ein Eindruck überwiege, von wegen des Todes seiner Angebeteten, die im wirklichen Leben ja ein Mann war, „bei dem vielleicht Müdigkeit die Trauer noch überwog“.

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