Stein des Anstoßes. Das Humboldt Forum entfacht Diskussionen. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
© Kitty Kleist-Heinrich

Kolonialismusdebatte im Humboldt Forum Unterm Kreuz

Zeigen, Zurückgeben, Leere lassen: Parzinger, Grütters, Lederer und Dorgerloh zur Sammlung des Humboldt Forums.

Der Austritt von Bénédicte Savoy vor drei Jahren aus dem Expertenbeirat des Humboldt Forums war der Startschuss für eine erhitzte Kolonialismusdebatte bei den Staatlichen Museen. Die Berliner Kunsthistorikerin erhob schwere Vorwürfe, dass die Provenienzforschung viel zu schleppend voranging, sich die Verantwortlichen der Sammlungen der Verantwortung nicht genügend stellen würden.

Seitdem wurde viel getan, nicht zuletzt um den Imageschaden zu reparieren. Wenige Monate vor Eröffnung des Humboldt Forums ist die Diskussion über den Umgang mit kritischen Exponaten weiterhin virulent: Was und wie wird ausgestellt, wem zurückgeben? Die Präsentationen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst werden vornehmlich unter diesem Aspekt gesehen, zumindest im Vorfeld.

Parzinger zeigt sich offen für Rückgabe

Die Deutsche Presse-Agentur hat deshalb verschiedene Protagonisten zum Thema befragt, darunter Stiftungspräsident Hermann Parzinger, der sich offen zeigt für Rückgaben: „Auch wenn Objekte nicht in einem Unrechtskontext stehen, sagen wir: Wenn sie für die Kultur, für das Land ganz besonders wichtig sind, dann kann man auch darüber reden, dass man so etwas zurückkehren lässt.“

Das Humboldt Forum wurde unfreiwillig zum zentralen Ort der Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe in Deutschland, von der Kritik heillos überrascht. Nun könnte sich dies als Chance für das neue Kunsthaus mit rund 40 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche erweisen.

„Wir wollen uns mit unserer Geschichte einschließlich der Kolonialzeit und der Entstehung der Sammlungen hier in der Mitte der deutschen Hauptstadt auseinandersetzen“, sagt Parzinger. „Das neue Haus mit den drei historischen Fassaden provoziert ja gerade dazu.“

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Das 677 Millionen Euro teure Zentrum für Kultur, Kunst und Wissenschaft nutzen neben der Stiftung das Land Berlin und die Humboldt-Universität. Gezeigt werden Exponate aus Asien, Afrika, Amerika und Ozeanien sowie Objekte zur Geschichte Berlins. Umstritten ist vor allem die Präsentation der Benin-Bronzen, von denen das Ethnologische Museum rund 530 aus dem Königreich Benin besitzt.

Etwa 440 Bronzen gelten als Objekte aus Unrechtskontexten. Danach befragt, verweist Stiftungspräsident Parzinger auf die Benin-Dialog-Gruppe, zu der auch andere Museen gehören. Allerdings ist es hier bislang noch zu keinen greifbaren Ergebnissen gekommen, nur zu Willensbekundungen. So kündigte Parzinger vorläufig nur Leihgaben für ein geplantes Museum in Benin-City an und dass es zu Rückgaben kommen müsse – „da bin ich ganz sicher“.

Grütters sieht Glaubwürdigkeit auf dem Spiel

Kulturstaatsministerin Monika Grütters positioniert sich ebenfalls dazu: „Es geht dabei auch um unser aller Glaubwürdigkeit. Denn die Herkunftsgesellschaften fragen zurecht danach, wie ernsthaft wir diesen Aspekt unserer Geschichte aufarbeiten.“ Sie schlägt vor, nach möglichen Rückgaben in den Ausstellungsräumen Leerstellen zu hinterlassen, um den Besucherinnen und Besuchern „diesen bisher vernachlässigten Teil unserer Geschichte vor Augen führen.“

Dass die Debatte hinter einer rekonstruierten Schlossfassade stattfindet mit einem Kreuz auf der Kuppel, stört sie dagegen weniger, mag der Hamburger Historiker Jürgen Zimmerer die „bekömmliche Geschichtsklitterung“ in „preußischem Disneyland“ auch kritisieren.

Lederer spürt Unwohlsein

Unwohlsein verspürt jedoch Kultursenator Klaus Lederer: „Die Frage, warum eine demokratische Republik im Herzen Europas sich mit den Insignien des Gottesgnadentums auf einer Kulturinstitution von Bund und Ländern schmückt, wird hoffentlich weiterhin sehr intensiv diskutiert.“

Insbesondere für die Kolonialismusdebatte erhofft er sich Impulse: „Das Humboldt Forum soll dauerhaften Anstoß erregen.“ Er kann beruhigt sein. „Die Aufarbeitung des Kolonialismus ist ein klarer Auftrag“, so Generalintendant Hartmut Dorgerloh. Umso spannender wird es sein, ab Spätsommer die Umsetzung zu sehen. Nicola Kuhn

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