Enkel von Sklaven. Anton de Kom. Fto: R/Do
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Kolonialgeschichte Es war einmal in Suriname

Neu entdeckter Klassiker aus dem Jahr 1934: Anton de Kom erinnert an Sklavenhalterzeiten in Niederländisch-Guyana.

Die erste Forderung der vor einem Jahr unter dem Eindruck der Bewegung Black Lives Matter eingesetzten Kommission des niederländischen Innenministeriums zur Untersuchung des transatlantischen Sklavenhandels lautet: „Erkennen Sie per Gesetz an, dass der Sklavenhandel und die Sklaverei, die zwischen dem siebzehnten Jahrhundert und dem 1. Juli 1863, direkt oder indirekt unter niederländischer Autorität begangen wurden, Verbrechen gegen die Menschlichkeit waren.“

Die Kommission empfiehlt ferner, den 1. Juli zum nationalen Gedenktag an die Abschaffung der Sklaverei zu machen – und der Regierung, sich zu entschuldigen. Der noch amtierende Ministerpräsident Mark Rutte hat das bereits abgelehnt. Vielleicht sollte er das Buch „Wir Sklaven von Suriname“ von Anton de Kom aus dem Jahr 1934 lesen.

[Anton de Kom: Wir Sklaven von Suriname. Aus dem Niederländischen von Birgit Erdmann. Transit, Berlin 2021. 224 Seiten, 20 €.]

In der niederländischen Debatte um die koloniale Vergangenheit stand Niederländisch-Ostindien, das heutige Indonesien, immer im Vordergrund, weniger Niederländisch-Guayana, das 1975 als Suriname Unabhängigkeit erlangte. Dabei war das dortige Auftreten der Sklavenhalter das brutalste der westlichen Welt.

Anton de Kom wurde 1898 als Enkel von Sklaven geboren, er arbeitete als Kaufmännischer Angestellter und reiste 1920 in die Niederlande, wo er in Kontakt mit javanischen Nationalisten kam und antikoloniale Artikel für eine kommunistische Zeitung schrieb. 1932 kehrte er nach Suriname zurück und engagierte sich für die javanischen Vertragsarbeiter.

Dies wurde als Umsturzversuch gewertet, 1933 wurde er verhaftet und schließlich in die Niederlande verbannt. Sein Buch durfte 1934 nur zensiert erscheinen. Unter der deutschen Besatzung wurde es verboten, de Kom schloss sich dem Widerstand an, wurde verraten und in verschiedenen KZs interniert, bis er im April 1945 auf dem Todesmarsch ins Lager Sandbostel starb.

Schrei nach Gerechtigkeit

De Koms Buch ist ein Schrei nach Gerechtigkeit. Es beginnt mit einer Liebeserklärung an sein Heimatland „Sranan“, an dem die Geschichte vorübergezogen sei. Im 17. Jahrhundert bekam die Westindische Compagnie von der Republik der Vereinigten Niederlande das Monopol über den Sklavenhandel, denn ohne Sklaven konnte man keine Plantagen wirtschaftlich betreiben, so die Logik der weißen Herren.

De Kom erzählt dies mit einem lakonischen, oft sarkastischen Unterton, immer aus der Sicht der Sklaven: „Wir haben sehr wohl das Recht, euch Holländer zu fragen, dass, wenn die Sklaverei das Fundament einer Kultur ist, welche Tempel ihr in Suriname errichtet, welche Gedichte ihr geschrieben und welch erhabene Gedanken ihr der Nachwelt hinterlassen habt?“

Er schildert den Alltag in der Kolonie, das herrische Auftreten der Weißen, die Leiden der unterdrückten Bevölkerung. An den einzelnen Gouverneuren arbeitet er sich ab, schildert, was sie angerichtet haben. Er weist ihnen auch Unfähigkeit gegenüber den eigenen Interessen nach, zeigt ihr Desinteresse an dem Land und verweist auf Fehlinvestitionen. Als Suriname Anfang des 19. Jahrhunderts kurzzeitig unter britische Herrschaft kam, zeigten sich die Briten entsetzt darüber, wie die Niederländer ihre Untergebenen behandelt hatten.

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De Kom setzt aber auch den Einheimischen ein Denkmal, die sich den Niederländern widersetzten. Nur war mit der Abschaffung der Sklaverei am 1. Juli 1863 das Leid der Surinamer nicht zu Ende, denn jetzt mussten die ehemaligen Sklaven sich als Vertragsarbeiter auf den Plantagen verdingen, hinzu kamen Konkurrenten aus Britisch-Indien, die das Proletariat vergrößerten.

„Wir Sklaven von Suriname“ ist ein bewegendes Buch, das Versagen und Gräuel der niederländischen Kolonialherrschaft anprangert. In der Widmung heißt es: „Kein Volk kann zur vollen Blüte gelangen, das erblich mit einem Minderwertigkeitsgefühl behaftet ist. Deshalb möchte dieses Buch die Selbstachtung der Surinamer wachrütteln.“ Es ist bezeichnend, dass Anton de Kom erst im vergangenen Jahr in den Kanon der 50 historischen Topthemen, die ein Niederländer kennen sollte, aufgenommen wurde.

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