Skulpturen und Geschirr von Miriam Lenk im Zagreus Projekt. Foto: Zagreus
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Koch und Galerist Ulrich Krauss „Immer noch im Katastrophenmodus“

Felix Denk

Ulrich Krauss serviert in seinem Berliner Projektraum Zagreus ausgefallene Menüs. Hier erzählte er über den Speiseplan des Oktopus und die Folgen von Corona.

Ulrich Krauss betreibt in Berlin-Mitte den Ausstellungsraum Zagreus Projekt und agiert dort als Koch, Kurator und Galerist.

Herr Krauss, im Augenblick zeigen Sie in ihrem Kunst-Projektraum Zagreus die Installation Meerschaum Gewoge vom Miriam Lenk. Was gibt es zu sehen?
Miriam Lenks Thema ist der weibliche Archetyp. Frauenfiguren, die nicht dem gängigen Ideal entsprechen. Bei uns gibt es klassische Bildhauerei: Keramik- und Gipsfiguren, etwa eine sehr voluminöse, barocke Installation, halb Mensch, halb Oktopus, sie nennt sich Oktopussy. Das Besondere ist, dass Miriam Lenk für die Ausstellung auch Geschirr gemacht hat. Sehr ausladende Keramikteller, Etageren und Kelche. Die sind so schwer, dass man sie schon am Anfang des Abends eindecken muss, dann werden sie im Laufe des Abends für die Gäste befüllt.

Und zwar womit?
Passend zur Oktopussy, die schwer über der Tafel schwebt, gibt es eine Consommé aus Fisch, Rogen, Muscheln und Algen. Also aus dem, was der Oktopus isst. Dann kommt sehr viel Gemüse. Ein Salatherz mit Petersilienemulsion, Spargel mit Orange und Estragon. Anschließend eine Fisch-Etagere mit Wolfsbarsch, Traubensauce und Mandeln. Schließlich ein gebratenes Wirsingblatt mit Rindermarmelade. Das Fleisch wird so lange mit viel Alkohol geschmort, bis es zur Marmelade wird.

Entwickeln Sie solche Menüs gemeinsam mit den Künstler:innen?
Das ist sehr unterschiedlich. Manche haben eine sehr konkrete Vorstellung, manchmal gibt das Thema die kulinarische Entsprechung vor. Aber meistens entwickle ich die Menüs.

Waren sie eigentlich erst Koch oder Künstler?
Ich bin aufgewachsen in einer Metzgerei, habe dann Kunst studiert in Stuttgart und anschließend eine Kochlehre gemacht. Nach dem Mauerfall bin ich nach Berlin und habe mich zehn Jahre als Koch quasi ernährt und parallel Kunstprojekte gemacht. Im Jahr 2000 dachte ich, ich bringe diese beiden Elemente zusammen, die mein Leben bestimmen, und habe das Zagreus Projekt gegründet. Da fungiere ich als Koch und Kurator.

Sie hatten jetzt 100 Ausstellungen. Haben Sie selbst als Künstler eine gestaltet?
Am Anfang ja, aber nur aus Ermangelung an Künstlern. Jetzt sind die Kreise größer, die Leute kommen auf mich zu. Es ist auch interessanter mit einem Gegenüber. Ich hab ja gar nicht so viele Ideen. Die bringen die Künstler. Da ist man vor nichts sicher.

Der Berliner Koch und Galerist Ulrich Krauss. Foto: Privat Vergrößern
Der Berliner Koch und Galerist Ulrich Krauss. © Privat

Viele Künstler:innen setzten sich inhaltlich mit Essen auseinander. In Ihrem Ausstellungsraum aber eher nicht.
Ich hatte in der ganzen Zeit nur zwei Künstler, die explizit mit Essen gearbeitet haben. Das Interessante bei uns ist, wie man ein künstlerisches Thema in einem Raum transportiert, in dem auch gegessen und getrunken wird.

Sie machen auch Catering für Kunstveranstaltungen. Gibt es da auch inhaltliche Auseinandersetzungen?
Eher nicht. Im Mai organisiere ich ein Catering für eine Fluxus-Ausstellung und mache ein Buffet, das daran angelehnt ist. Grüne Landschaften heißt es. Auf großen Brettern werde ich Gemüse als großflächigen Teppich anlegen. Im Normalfall trenne ich das aber konsequent.

[Das Dinner zur Ausstellung von Miriam Lenk am Sa 30.4. ist bereits ausgebucht. Die nächste Ausstellung mit Fides Becker beginnt am 6. 5..Kommende Dinnertermine: zagreus.net.]

Hat sich das Catering-Geschäft mittlerweile von Corona erholt?
Corona war ein großer Einbruch. Und auch auch das Verhalten der Gäste hat sich verändert. Die einen sind total euphorisch, die anderen haben Angst. Dazu kommen der Krieg in der Ukraine und die steigenden Lebensmittelpreise. Es gibt keine Konstante, man ist immer noch im Katastrophenmodus.

Gibt es ein Restaurant, in das Sie schon gerne wegen der Kunst gehen?
Eigentlich nicht. Für mich ist der Fokus immer das Essen. Es ist ja meine Domäne, dass die Kunst nicht Deko, sondern als inhaltliches Element des Abends, des Raumes, des Menüs ist. Wenn in einem Restaurant ein gutes Kunstwerk hängt, freue ich mich, aber es ist nicht essentiell.

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