Klischee-Kunde Wo die Faulen, wo die Fleißigen wohnen in Europa

Ganz viel mehr Urlaub: Die Griechen

Angela Merkel hat gesagt, dass die faulen Südländer gefälligst ein bisschen mehr arbeiten sollen, wenn sie Geld von uns, den fleißigen Mitteleuropäern, haben wollen. Oder zumindest hat sie Äußerungen getätigt, die den Südländern Faulheit unterstellen. Stimmt doch auch. Genauer gesagt, es ist noch viel schlimmer! Zum Beispiel der Grieche als solcher. Der arbeitet nämlich gar nicht „ganz viel“ weniger und macht „ganz viel“ mehr Urlaub (seit wann sprechen Bundeskanzlerinnen eigentlich wie Siebenjährige?)! Der Grieche als solcher arbeitet in Wirklichkeit so gut wie gar nicht. „Gerüchten zufolge sollen nur fünf Prozent der Griechen arbeiten. 95 Prozent versuchen diesem Übel so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen.“ So steht es in dem Buch „Die Griechen. Pauschal“ (S.Fischer Verlag), das man unserer lieben Bundeskanzlerin für die nächste Stammtischbuhlerei nur wärmstens ans Herz legen möchte. Sie wird es lieben. Es versammelt reichlich Stereotypen und Vorurteile, erklärt also definitiv, wie der Grieche als solcher so tickt. Was macht er zum Beispiel, wenn er nicht arbeitet, also den lieben langen Tag? Natürlich: „Gefühlsausbrüche“ haben. „Extrem launisch und wechselhaft – das quirlige Temperament der Griechen wird während der Wachstunden ungezügelt ausgelebt.“ Einerseits. Andererseits kann die „ungestüme Heißblütigkeit“ schnell in eine „geradezu eiskalte Gleichgültigkeit gegenüber allen Angelegenheiten des öffentlichen Lebens“ umschlagen. Der Grieche sitzt lieber im Kafeneion, wobei er für Hintern, Füße und Ellbogen drei Stühle in Beschlag nimmt, sagt laut und vernehmlich „Ich“ und gibt sich seiner Lieblingsträumerei hin, die darin besteht, „möglichst schnell und möglichst leicht möglichst viel Geld zu verdienen.“ Geld, das er selbstverständlich nicht spart, sondern so „spektakulär wie möglich“ verprasst, weil der Grieche als solcher nämlich ein Mensch des Moments ist, „des hier und jetzt“, der das Leben „in vollen Zügen genießt“. Deswegen schnackselt er natürlich auch gern. Und das verdammt gut. Nach einer „neuesten Umfrage“ gebührt ihm der Lorbeerkranz des „wahren Latin Lovers“, was dem Italiener als solchem natürlich nicht passt.

Ach du liebe Güte. Die Deutschen und der Süden! Eine unendliche Geschichte aus heißblütigsten, quirligsten Anziehungs- und Abstoßungsreaktionen. Selbst so ein Klischee, in dem man umkommt, sobald man sich hinein begibt. Das aber doch: Es spricht vieles dafür, dass die (zumindest Griechen-) Verachtung der Deutschen, die immer dann aus den kollektiven Eingeweiden hervorquillt, wenn’s ans Eingemachte geht (also ans Geld), nur die Rückseite einer übersteigerten deutschen Idealisierung ist. Niemand hat das alte Griechenland so idealisiert wie die Deutschen (und die Engländer). Die irische Germanistin Elisabeth Marian Butler hat sich schon 1935 in dem Buch „The Tyranny of Greece over Germany“ über die Antikenberauschtheit der Deutschen lustig gemacht. Nur wer so hochfahrend überhöht, kann so wütend enttäuscht sein. Andreas Schäfer

Auf Seite 1: Die Südländer des Nordens: Die Iren

Auf Seite 3: Die schlimmsten Finger Europas: Die Isländer

Auf Seite 4: Land der langen Mittagspause: Die Spanier

Zur Startseite