Von ihrer Kunst leben zu können, ist das Ziel der Jungstudierenden am Julius-Stern-Institut. Foto: Matthias Heyde
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Klassik-Profis von morgen Talent ist Trumpf

Gegründet vor 170 Jahren als private Musikhochschule, widmet sich das Julius Stern Institut heute der Förderung von Hochbegabten.

Im 19. Jahrhundert waren Gesangs- oder Klavierunterricht für höhere Töchter Pflicht – doch sollten die jungen Damen mit ihren erworbenen musikalischen Fähigkeiten lediglich die abendlichen Gesellschaften in ihren bürgerlichen Elternhäusern beglücken. Eine professionelle Perspektive verband sich damit selbst für die Talentiertesten nicht – bis Julius Stern 1850 das erste Konservatorium in Berlin gründete. Dort nämlich konnten von Anfang an sowohl Männer als auch Frauen studieren und einen anerkannten beruflichen Abschluss erlangen.

Mit zwölf Jahren kommt der in Breslau geborene Julius Stern in die preußische Hauptstadt, als Wunderkind begeistert er mit seinem Geigenspiel. Bald wird er in die Berliner Sing-Akademie aufgenommen, mit 17 beginnt er an der Königlichen Akademie der Künste ein Kompositionsstudium. Ein zweijähriges Stipendium ermöglicht es ihm, zur Vervollkommnung seiner Ausbildung die Jahre 1843/44 in Dresden und Paris zu verbringen. Nach seiner Rückkehr in die Heimat baut er den Stern’schen Gesangsverein auf und eröffnet schließlich seine eigene Lehranstalt in der Dorotheenstraße.

Das Stern’sche Konservatorium ist ein Unternehmen, 100 Taler müssen die Studierenden pro Jahr bezahlen. Doch der Bedarf ist groß, schon 1852 kann der Direktor 20 Lehrkräfte beschäftigen. Jenny Meyer, die erste Frau im Kollegium, wird erst Sterns Schwägerin und 1888 dann seine Nachfolgerin. Ihr Fach ist der Gesang, doch weil es in den besseren Kreis

en als unschicklich gilt, in einem Opernhaus angestellt zu sein, beschränkt sich Jenny Meyer ganz auf den Konzertbereich. So werden es auch die allermeisten ihrer Studentinnen halten.

Frauen sind in Orchestern bis weit ins 20. Jahrhundert unerwünscht

Für Instrumentalistinnen wiederum bleibt nur der Karriereweg als Musiklehrerin. Denn in den Orchestern sind die Beharrungskräfte der Herren stark. Harfenistinnen können sich um 1900 als Exotinnen in der Männerdomäne etablieren, für alle anderen Instrumentengruppen aber werden Frauen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein grundsätzlich nicht in Betracht gezogen. Die erste Geigerin in den Reihen der Berliner Philharmoniker bekommt ihren Vertrag 1982.

Nach der Reichsgründung kann sich das Stern’sche Konservatorium als feste Größe in der Kulturszene der Hauptstadt etablieren, mit eigenen Räumlichkeiten im Philharmonie-Komplex an der Bernburger Straße. Bis 1915 wächst die zahlende Kundschaft auf 1200 Personen, zu den Absolventen, die sich einen Namen machen, gehören die Dirigenten Bruno Walter und Otto Klemperer, die Sopranistin Frieda Hempel und der Pianist Claudio Arrau, aber auch die Chansonnière Trude Hesterberg und Ari Leschnikoff von den Comedian Harmonists.

1936 zwingen die Nationalsozialisten die jüdische Familie Hollaender, die das Institut mittlerweile betreibt, zum Verkauf an die Stadt Berlin, natürlich weit unter Wert. 1945 liegt das Stammhaus in Trümmern, doch der Lehrbetrieb formiert sich neu, in den Privatwohnungen der Dozenten. 1955 schließlich kann das Konservatorium in Wilmersdorf ins ehemalige Joachimsthalsche Gymnasium an der Bundesallee einziehen.

Die 75 Plätze sind heiß begehrt

Dort residiert das nach Julius Stern benannte Institut bis heute. Seine Funktion als Erwachsenenbildungsstätte aber hat es 1966 verloren, mit der Eingliederung in die Hochschule der Künste. Weil sich die musikalische Breitenarbeit in die staatlichen Musikschulen verlagert hatte, wurde im Gedenken an den Konservatoriumsgründer eine Abteilung für Hochbegabte geschaffen. Aktuell gibt es 75 Plätze, um die jede Menge Interessenten wetteifern.

„Wunderkinder“ möchte Anita Rennert, die das Julius-Stern-Institut seit 2010 leitet, ihre Schützlinge nicht nennen. Denn das klingt ihr zu sehr nach Drill, Druck und überehrgeizigen Eltern. Sie spricht lieber von „Jungstudierenden“.

Natürlich müssen die Bewerberinnen und Bewerber Frühentwickler sein, Spitzenleistungen auf ihrem Gebiet erbringen, sagt sie. „Doch bei uns geht es nicht um die Vermarktung von Ausnahmeerscheinungen, sondern um eine umfassende Ausbildung ihrer Anlagen.“

Alle, die die Aufnahmeprüfung bestehen, werden nämlich von denselben Professorinnen und Professoren betreut, die auch die „Großen“ unterrichten. Das jüngste Talent am Institut ist derzeit neun Jahre alt, bleiben können die Jungstudierenden bis zum Abitur. Wenn die Lehrkräfte Vortragsabende veranstalten, bei denen sich ihre Klassen präsentieren, treten die Julius-Stern-Talente zusammen mit den erwachsenen Studierenden auf. Anita Rennert organisiert aber auch regelmäßig eigene Veranstaltungen des Instituts, damit sich die Jugendlichen kennenlernen können – und auch gegenseitig hören. Es gibt ein eigenes Orchester, Kammermusik wird in verschiedensten Formationen gemacht.

Ohne die Kooperation der Eltern geht es nicht

„Dass derzeit alle Auftritte wegfallen, schmerzt unsere Jungstudierenden sehr“, sagt Anita Rennert. „Denn sie brennen doch darauf, vor Publikum auftreten, ihre Fortschritte zeigen zu können.“ Immerhin ist wenigstens das Lernen weiterhin möglich. Einzelunterricht dürfen die Professoren und Professorinnen vor Ort in der Hochschule durchführen.

Ein heikles Thema bei der Begabtenförderung ist die Zusammenarbeit mit den Eltern der Talente, egal ob es sich um den Leistungssport handelt oder um professionelle Musikkarrieren. Denn wenn die Minderjährigen von Wettbewerb zu Wettbewerb reisen, müssen die Erziehungsberechtigten viel Zeit investieren – aber eben auch die Größe haben, den Fachleuten die Entscheidung darüber zu überlassen, wo die Grenzen ihrer Kinder gerade liegen, die ja gleichzeitig noch durch die verschiedenen Phasen der Pubertät gehen.

Wenn Anita Rennert ihre Aufgabe beschreibt, sagt sie: „Ich bin Ansprechpartnerin, Organisatorin, Konzertagentin, Moderatorin, Prüfungsvorsitzende und vieles mehr“ – und man ahnt dabei, dass ein Großteil ihres Jobs darin besteht, mit psychologischem Fingerspitzengefühl zwischen den unterschiedlichen Interessen der vielen Beteiligten zu vermitteln. Trotzdem und gerade deswegen ist die Leitung des Julius-Stern-Instituts für sie ein Traumjob: „Ständig umgeben zu sein von so viel Talent, das macht glücklich.“

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