Adam und Eva in den Alpen. Ernst Ludwig Kirchners Gemälde „Schwarzer Frühling“ von 1929 lieferte die Vorlage für den nach 1954 gewirkten Wandbehang. Foto: Sammlung E. W. Kornfeld, Bern/Davos
© Sammlung E. W. Kornfeld, Bern/Davos

Kirchner im Brücke-Museum Die Berge tragen blauen Schnee

Dorothea Zwirner

Ernst Ludwig Kirchners Schweizer Jahre: Das Brücke-Museum zeigt Meisterwerke aus der Sammlung Kornfeld.

Nicht nur in Berlin gehören die Großstadtszenen, Zirkusbilder und Kokotten zu den beliebtesten und wichtigsten Bildern des Brücke-Künstlers Ernst Ludwig Kirchner. Umso dramatischer und umstrittener war der Verlust seiner berühmten „Berliner Straßenszene“, die 2006 vom Brücke-Museum restituiert wurde. Dass dort nun Kirchners Schaffen während der Davoser Jahre aus der Sammlung Kornfeld gezeigt wird, ist ein Trost und eine doppelte Hommage.

Der seit einem Jahr amtierenden Direktorin Lisa Marei Schmidt ist mit dieser Ausstellung ein zweifacher Coup gelungen. Zum einen rückt sie mit Eberhard Kornfelds Sammlung das weniger bekannte und geschätzte Spätwerk ins rechte Licht. Zum anderen beleuchtet sie den ganzen Kosmos Kirchners, den der Sammler, Händler und Auktionator Kornfeld seit siebzig Jahren akribisch zusammenträgt. Neben Gemälden, Skulpturen, Druckgrafik und Zeichnung sind schnelle Skizzen, Briefe, selbst geschnitzte Möbel und Gebrauchsgegenstände, gewebte Teppiche und gestickte Kissen als ein Gesamtlebenskunstwerk zu erleben. In einer eigens eingerichteten Leseecke mit Publikationen aus dem Verlag Kornfeld kann der Besucher seine Eindrücke vertiefen, dank einer Audiostation Kirchners Biografie im Originalton seiner Briefe lauschen.

Wege von Künstler und Sammler sind innig verschränkt

Selten verschränken sich die Lebenswege von Künstler und Sammler so innig wie bei Kirchner und Kornfeld. Sie finden ihren gemeinsamen Ort in der Schweizer Bergwelt um Davos, wo sich Kirchner 1917 krank, morphiumsüchtig und traumatisiert vom Ersten Weltkrieg Rückzug und Heilung erhofft. Extremer kann man sich den Kontrast zum vibrierenden Großstadtleben, das seine Bilder aus der Dresdner und der Berliner Zeit mit zackigem Pinselstrich einfangen, kaum vorstellen. Entsprechend groß ist der Bruch zwischen Früh- und Spätwerk, das es mit der Dahlemer Ausstellung neu zu bewerten gilt.

Kirchners Selbstbildnis „Kopf des Kranken“ von 1918 ist ein ergreifendes Bildnis innerer Not und – wie die Porträtserie von Ärzten und Patienten aus dem Sanatorium Bellevue von Ludwig Binswanger – ein Höhepunkt des expressionistischen Holzschnitts. Mit zunehmender Genesung werden die bäuerliche Lebenswelt und Berglandschaft der Stafelalp zum wichtigsten Thema, das sich im monumentalen Werk „Rückkehr der Tiere“ von 1919 in voller Farbenpracht entfaltet. Dieses Schlüsselwerk der frühen Davoser Jahre hat Kornfeld – ebenso wie die gesammelte Druckgrafik Rembrandts – dem Kunstmuseum seiner Heimatstadt Basel geschenkt.

So ehrt die Ausstellung auch einen Mäzen und Connaisseur alter Schule, der gerade seinen 95. Geburtstag gefeiert hat. Mit Leidenschaft und Kennerschaft insbesondere im Bereich der Druckgrafik und Zeichnung hat sich Kornfeld seit seiner Lehrzeit bei der Berner Kunsthandlung Gutekunst und Klipstein dem Werk Kirchners gewidmet, der einen seiner Sammlungsschwerpunkte bildet.

Kornfeld war an der Gründung des Kirchner-Museums beteiligt

Kornfeld hat das Werkverzeichnis von Kirchners Druckgrafik herausgegeben und überarbeitet derzeit das vergriffene Standardwerk „Nachzeichnungen seines Lebens“. Zugleich war er maßgeblich an der Gründung des Kirchner-Museums in Davos beteiligt. Außerdem erwarb Kornfeld die beiden Häuser „In den Lärchen“ und im „Wildboden“, die Kirchner in Davos bewohnte, und ließ sie instand setzen. Damit spannt sich der Bogen zum Bild „Wildboden im Schnee“ von 1923/24 in seinem flächigen „Teppichstil“ aus starken Lila-, Blau-, Grau-, Grün- und Weißtönen. Es war das erste und ist zugleich eines der schönsten Ölbilder in Kornfelds Kirchner-Sammlung.

Im letzten Raum hängen zwei besonders stimmungsvolle Gemälde, die Anfang und Ende der Davoser Jahre von 1917 bis 1938 sowie die extremen Höhen und Tiefen in Kirchners Künstlerleben beleuchten. War er noch 1925 für das großartige Nachtbild „Junkerboden“ aus dem Jahr 1919 in Berlin mit dem Preis der Akademie ausgezeichnet worden, so trieben ihn 1938 die Verfolgung durch die Nationalsozialisten und die Angst vor einem neuen Krieg zum Selbstmord. Das letzte Bild auf seiner Staffelei zeigt eine gelb leuchtende „Schafherde“ vor dem Hintergrund seines Hauses im Wildboden, das von blauen schneebedeckten Bergen überragt wird.

Es ist die einzige Ergänzung aus den eigenen Beständen des Brücke-Museums, dem man eine so erlesene Sammlung wie die von Eberhard Kornfeld auf Dauer wünschen würde. Die Aussicht besteht durchaus.

Brücke-Museum, Bussardsteig 9, bis 31. März; Mi–Mo 11–17 Uhr.

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