Magie und Realismus. Eines Morgens wacht Lisa (Ani Karseladze) auf und hat eine andere Gestalt angenommen. Foto: Grandfilm
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Kinomärchen aus Georgien Feier des Lebens in finsteren Zeiten

Sinfonie einer großen alten Stadt: Alexandre Koberidzes melancholischer Sommerfilm "Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?"

Treffen sich zwei im Dunkeln, zwischen den Straßenlaternen. Man nimmt sie kaum wahr, die Kamera ist weit weg. Sie kennen sich nicht, sind sich an diesem Tag nur schon einmal über den Weg gelaufen, oder besser: zusammengestoßen, am Schultor, durch das gerade die Kinder ins Freie strömten. Und jetzt schon wieder, was für ein Zufall. Lisa und Giorgi verabreden sich für den nächsten Tag im weißen Café an der Brücke.

Aber sie werden verflucht in der Nacht, wachen beide in anderer Gestalt auf. Wie sollen die Apothekerin (Ani Karseladze) und der Fußballspieler (Giorgi Bochorishvili) sich beim Rendezvous jetzt erkennen, zumal keiner der Liebenden von der Verwandlung des anderen weiß?

Eine Tragödie? Nein, eine Königskinder-Geschichte über zwei Menschen, die sich jeden Tag sehen, indem sie vergeblich aufeinander warten. Und weil die Geschichte in der georgischen Stadt Kutaissi angesiedelt ist, einer wie aus der Zeit gefallenen, heruntergekommenen, quicklebendigen Stadt an einem reißenden Fluss, weil es Sommer ist und Fußball-WM, wird ein Kinomärchen daraus. Ein 150-minütiges Märchen, in dem Regenrinnen sprechen und auch die Hunde gern Fußball gucken und sich zum Public Viewing verabreden.

Erzählen heißt sich verlaufen, sich ablenken lassen, sich auch mal verlieren. Der in Tiflis aufgewachsene Regisseur Alexandre Koberidze, Jahrgang 1984, ließ den Blick schon in seinem dreistündigen Langfilmdebüt „Lass den Sommer nie wieder kommen“ (2017) exzessiv schweifen. Er liebt es, vom Weg abzukommen.

Auch in „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?“, seinem Abschlussfilm an der Berliner Filmschule DFFB, nimmt er sich alle Zeit der Welt und versammelt rund um das Liebespaar all die Fragmente und Unwahrscheinlichkeiten, die das sogenannte Leben ausmachen. Die Kamera schwebt, hält inne, manchmal fliegt sie vom Himmel herab. Manchmal bleibt der Ton weg wie im Stummfilm, es tauchen Zwischentitel mit diesen zauberhaft verschnörkelten georgischen Lettern auf, manchmal leuchtet ein mythisches Licht. Otar Iosseliani, der große georgische Kinomeister, hat ähnlich mäandernd gedreht.

Magischer Realismus, mit Koberidze als Märchenerzähler aus dem Off: So können Wunder geschehen, große und kleine.

Für das große Wunder sorgt das Kino selbst, mit einem Film im Film über verliebte Paare, dessen Regisseurin und Kameramann von Koberidzes Eltern dargestellt werden. Die kleinen Wunder erschließen sich als Bilderrätsel. Mal gerät ein Stück Bettdecke in den Fokus, ein Lichtfleck an der Wand, die Schuhe von Lisa und Giorgi bei ihrer ersten Kollision, die Treppe vom Fluss hoch in die Stadt – lauter aus dem Lot gerückte Momentaufnahmen, Stillleben, Vignetten.

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Immer wieder gerät die Liebesgeschichte ins Stocken, damit Raum bleibt für die verspielt-dokumentarischen Szenen. Und immer wieder zeigt Koberidze Gesichter in Großaufnahme, der Protagonisten, der Passanten, der Kinder in Kutaissi. Dabei verliert er sich mitunter zu lange, fixiert sich auf die eigene Poesie. Aber was soll’s, es gilt ja, den Fluch des bösen Blicks zu lösen, durch andere, zugewandte Blicke.

Der Soundtrack zu Koberidzes Sinfonie einer großen, alten Stadt, die im Berlinale-Wettbewerb 2021 uraufgeführt wurde, stammt von Koberidzes Bruder Giorgi, ergänzt um Schubert und Debussy: große Musik für sogenannte kleine Leute. „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?“ feiert nicht zuletzt die Polyphonie der Gemeinschaft und das Zusammensein der Menschen, sei es beim Public Viewing, sei es in der Nachbarschaft oder im Freundeskreis.

Koberidzes Film ist auch eine Hommage an den Fußball

Treffen sich zwei, treffen sich viele: Da sind die elf Kinder, die ein Eis wollen – Lisa arbeitet jetzt als Eisverkäuferin im weißen Café, das eher ein Biergarten ist. In der Musikschule, wo sie eine Wahrsagerin aufsucht, wird sie auf ihrer Odyssee durch das Gebäude von einem fantastischen Stimmen- und Tönegewirr umfangen. Und die Jungs vor Giorgis Haus malen sich mit gelber Farbe „Messi“ auf den nackten Rücken – auch Giorgi ist Argentinien-Fan.

Kollisionskurs. Lisa und Giorgi laufen an einem Tag gleich mehrfach ineinander - aber aus ihrem Rendezvous wird erstmal nichts. Foto: Grandfilm Vergrößern
Kollisionskurs. Lisa und Giorgi laufen an einem Tag gleich mehrfach ineinander - aber aus ihrem Rendezvous wird erstmal nichts. © Grandfilm

Wie Lisa hat er nicht nur seine bisherige Gestalt verloren, sondern auch sein Talent. Er hält sich mit Jobs über Wasser, stellt mit dem alten Café-Besitzer (Vakhtang Panchulidze, ein Star in Georgien) eine Reckstange auf die Brücke. Wer es schafft, zwei Minuten daran hängen zu bleiben, gewinnt 100 Lari.

[Ab diesem Donnerstag in den Berliner Kinos Sputnik, fsk am Oranienplatz, Hackesche Höfe Kino, Krokodil, Lichtblick, Wolf. OmU]

In der poetischsten Szene kicken Jungs und Mädchen auf einem Bolzplatz, eine Fußball-Choreografie in Zeitlupe zu Gianna Nanninis „L'estate italiana“, dem WM-Song von 1990. So hält der Film das Glück des Augenblicks in einem Land fest, dem Russland den Frieden verwehrt, nach dem Kaukasuskrieg 2008 und der schleichenden Annexion Südossetiens und Abchasiens. Auch darum scherte der Westen sich wenig. Die Zeit war gewaltsam, sagt der Erzähler einmal, und dass sie in der Zukunft als eine der gewaltsamsten gelten wird. Schon weil in den Waldbränden der Gegenwart, deren Grund die Gier sei, 1,25 Milliarden Lebewesen umgekommen seien. Trauer flirrt mit im Sommerlicht, Poesie und Politik schließen einander nicht aus.

Am Ende schenkt Alexandre Koberidze, der Fußballer werden wollte, bevor er Filme machte, Giorgi ein kleines Extra-Wunder. Gedreht wurde während der WM 2018, im Film gewinnt Argentinien. In Wirklichkeit war das bekanntlich anders.

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