Friedenscamp. Die Probenzeit wird für Stardirigent Eduard Sporck (Peter Simonischek, mittig) zum Kraftakt. Foto: CCC Filmkunst
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Kinodrama „Crescendo“ Nahostkonflikt am Dirigentenpult

In Dror Zahavis neuestem Film „Crescendo“ wird ein Orchester zum Friedensprojekt. Dort sollen israelische Juden und Palästinenser miteinander spielen.

Daniel Barenboim ist davon überzeugt, dass man einander nicht hassen kann, wenn man gemeinsam Musik macht. Vor gut 20 Jahren gründete er mit Edward Said das West Eastern Divan Orchestra, das sich aus jungen jüdischen und arabischen Musikern zusammensetzt.

Ein Orchester als Friedensprojekt, auf dieser Idee basiert auch Dror Zahavis Kinodrama „Crescendo“, das die Berliner Produzentin Alice Brauner nach einer Idee ihres 2019 gestorbenen Vaters Artur Brauner realisiert hat. Der in Tel Aviv geborene, in Berlin lebende Filmemacher hat schon in seinem Kinodebüt „Alles für meinen Vater“ (2008) die Spannungen in seinem Heimatland verhandelt.

Ein Kammerorchester mit israelischen Juden und Palästinensern, ein Probencamp in Südtirol, ein Konzert zu bevorstehenden Friedensverhandlungen: Am Anfang steht heftiger Zoff. Schikanen am Checkpoint in Jerusalem bei den Vorspielterminen, ein arroganter israelischer Macho-Geiger, Aggression und Hass auf beiden Seiten.

Und, vielleicht die größte Herausforderung: ein musikalisches Qualitätsgefälle zwischen Juden und Nicht-Juden. Kein Wunder, Omar, der palästinensische Klarinettist (Mehdi Meskar), konnte bisher nur auf Hochzeiten spielen.

Also schiebt Stardirigent Eduard Sporck (Peter Simonischek) Vivaldi und Mozart erst mal beiseite und veranstaltet Respekt-Workshops. Erzählt eure Geschichten! Brüllt euch an! Probiert mal eine Kippa oder ein Kopftuch! Umerziehungscamp, schimpft der jüdische Macho (Daniel Donskoy), der Layla (Sabrina Amali) aus dem Westjordanland das Konzertmeisterpult streitig machen möchte.

Die Probenzeit vor Postkarten-Bergkulisse wird zum Kraftakt. Der national und religiös gemischte Cast aus Profi- und Laiendarstellern, Musikern und Nichtmusikern dürfte zur Authentizität dieser Szenen beigetragen haben.

Aber das Drehbuch, das auch noch ein Nazi-Eltern-Trauma des Dirigenten, eine an Satire grenzende Börsen-Mäzenin (Bibiana Beglau) samt „Stiftung für effektiven Altruismus“, eine zarte jüdisch-palästinensische Liebesgeschichte und einen tödlichen Zwischenfall vorsieht, überfrachtet den Plot.

Zwar platzt der altruistische Friedensplan, aber das Ensemble klingt über Nacht wie ein Profiorchester, auch ohne weitere Proben. Das Problem des Qualitätsgefälles ist wie durch ein Wunder gelöst. Ein Drama mit Märchenschluss. Aber auch Utopien sollten glaubwürdig sein.
[„Crescendo“ im Astor, Eva, Filmkunst 66, Xenon]

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