Ein Führer aus besseren Zeiten. Abb: Verlag
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Kinderbuch über Aleppo Der Duft von Seife

Hiba Obaid
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Khaldoun Fansa erinnert in dem Buch "Visit of the Old City of Aleppo" an die Schönheit des ehemals blühenden Metropole

Trotz der historischen Bedeutung Aleppos war das Bewusstsein für die Geschichte nie sehr groß. Das änderte sich erst durch den Krieg. Vieles von dem, was die Stadt einst ausmachte, wurde vergessen: der Geruch von geröstetem Kaffee in den Gassen, die blühenden Jasminbüsche vor den Häusern, die Seifenläden. Auch das Restaurant von Abu Abdo in der Altstadt, das Menschen aus ganz Syrien anlockte, fiel dem Krieg zum Opfer.

Als Tamim das Büro seines Vaters betritt, macht ihn das Bild einer alten Stadt an der Wand neugierig. Er hat keine Ahnung, dass dieses Bild Aleppo zeigt. Der Vater schämte sich, weil er Tamim nie durch seine Heimatstadt geführt hat. Also beschließt er, den Sohn auf eine Tour mitzunehmen, um ihm die Geschichte und Schönheit Aleppos zu zeigen.

Mit dieser Szene beginnt Khaldoun Fansas Buch „Visit the Old City of Aleppo: Come with Tamim to a World Heritage Site“. Fansa arbeitete vor 25 Jahren in einem Stadtbauprojekt zur Restaurierung von Aleppos Altstadt, zu seinem Buch hatten ihn 2009 deutsche Kinderbücher inspiriert. „Bücher helfen Kindern, ihre Geschichte und Kultur auf einfache Weise zu verstehen“, erzählte der Autor bei einer Präsentation in Berlin Anfang Juli. Im vergangenen Jahr wurde das Buch auch ins Englische übersetzt, auf Deutsch ist es bisher nicht erschienen.

Tamims Tour beginnt mit einem Besuch der berühmten Zitadelle von Aleppo, die wie eine große Stadt auf dem zentralen Hügel über der Altstadt thront. Der größte Teil stammt vermutlich aus der Zeit der Ayyubiden im 13. Jahrhundert. Von dem hohen Hügel können Besucher die ganze Stadt überblicken. Seit 1986 gehört die Zitadelle auch zum Weltkulturerbe. Im Krieg wurde ein großer Teil zerstört, die Bombardierung betraf auch das Minarett der benachbarten „Großen Moschee“.

Fansas Buch macht die Tour von Tamim und seinem Vater mit vielen Originalfotos, historischen Zeichnungen und Erläuterungen zu der vergessenen Geschichte und den Traditionen für Jugendliche anschaulich. Viele Menschen mussten die Stadt seit dem Krieg verlassen. Dabei besitzt Aleppo eine reiche Industrie- und Handwerksgeschichte. Vor noch nicht allzu langer Zeit galt sie als wirtschaftliche Hauptstadt Syriens: die letzte Station der alten Seidenstraße.

Die berühmte Lorbeerseife, die sogenannte Aleppo-Seife, ist in der ganzen Welt bekannt. Die Seifenhändler prägten auch den Markt, an ihren Ständen stapelten sich Seifen in allen Farben und Düften bis zur Decke. Auch auf ihr Olivenöl sind die Menschen aus Aleppo stolz, bis heute wird es ohne künstliche Zusatzstoffe hergestellt.

Die Route von Tamim und seinem Vater führt sie auch zu einem typischen Aleppo-Haus. In diesen Häusern leben mehrere Generationen unter einem Dach. Am Wochenende sitzen die Männer im Innenhof und spielen gemeinsam die Oud oder die Kanun. Das Bild des Aleppo-Hauses ist ohne Musik nicht vollständig, sie spielt im Leben der Menschen eine wichtige Rolle. Und der Tanz. Der Alsamah ist ein traditioneller Tanz, der aufgrund religiöser Ursprünge lange den Bewohnern von Aleppo vorbehalten blieb. Heute ist diese Kunstform auch in den Nachbarländern verbreitet.

Im Vorwort seines Buches beklagt Fansa den Verlust, der Syrien durch den Krieg ereilt hat: „Viele der syrischen Kulturgüter sind von Milizen zerstört worden.“ Umso wichtiger ist es, dass junge Menschen an diese Kultur erinnert werden. Kinder wie Shahim Sahaar, der Fansas Buch mit zehn Jahren las. Auf einer Website über Aleppo ist er auf einem Foto zu sehen, darunter steht: „Nach der Lektüre des Buches ist meine Liebe für meine Stadt gewachsen.“

Heute ist Shahim 20 Jahre alt und lebt in den USA. Er lacht, als ich ihm das alte Foto von einer Konferenz 2009 in Aleppo über Facebook schicke. Ich möchte von ihm wissen, ob er nach zehn Jahren immer noch diesselbe Meinung über das Buch hat. Er antwortet: „Ich denke, es ist jetzt sogar besonders wichtig.“

Fansa beendet sein Buch mit der Bitte an alle Menschen, ihr Erbe für die nächsten Generationen aufzuzeichnen. Aleppo ist heute nicht wiederzuerkennen. Es tut weh, diese Bilder zu sehen und sich an die Zeit zu erinnern.
Hiba Obaid (28) stammt aus Aleppo.


Khaldoun Fansa: Visit the Old City of Aleppo: Come with Tamim to a World Heritage Site. Cune, Seattle 2017. 152 Seiten. 14,37 €. Ab zwölf Jahren.

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