Jedes Jahr um Weihnachten besucht Daniel seine beiden Großväter in Südafrika. Doch dieses Mal ist alles anders. Illustration: Jens Rassmus
© Illustration: Jens Rassmus

Kinderbuch Das Leben ausschöpfen

Lutz van Dijk erzählt in seinem bewegenden Roman "Bis bald, Opa!" von dem bevorstehenden Tod eines Großvaters in Südafrika.

Eigentlich sollte es über Weihnachten wie immer auf eine unbeschwerte Reise zu den beiden Großvätern nach Südafrika gehen, zu Opa Anton und Opa Ido, die seit Langem ein Paar sind. Beide haben nach dem plötzlichen Tod ihrer Haushälterin deren Kinder Sive und Panana als ihre eigenen aufgenommen. Eine recht ungewöhnliche Konstellation in Südafrika.

Daniel, der die Geschichte in Lutz van Dijks Roman „Bis bald, Opa!“ [Mit Vignetten von Jens Rassmus. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2019. 260 Seiten. 14 €. Ab acht Jahren]erzählt, geht in Hamburg in die vierte Klasse und lebt allein mit seiner Mutter. Im Moment sind sie dabei, zu einer Patchworkfamilie zusammenzuwachsen. Da gibt es Tom, den neuen Partner seiner Mutter, und Svenja, dessen nervige Tochter – so sieht es zumindest Daniel. Er freut sich auf ein Wiedersehen mit seinem Freund Sive und dessen Schwester Panana, die beide gerne Fußball spielen.

Aber jetzt sollen Tom und Svenja auch noch mit! Und es kommt noch schlimmer: Die Vorfreude der Familie wird durch einen alarmierenden Anruf kurz vor Abflug getrübt. „Opa hat nur noch wenige Wochen, höchstens ein paar Monate zu leben. Dann wird er sterben“, erklärt die Mutter ihrem Sohn unter Tränen. Ein Schock. Wie geht man damit um? Erst mal hinfliegen und versuchen, die noch bleibende Zeit zu genießen. Das wäre sicher auch Opa Antons Wunsch.

Chronik eines angekündigten Todes

Der deutsch-niederländische Autor Lutz van Dijk erzählt in seinem neuen Roman die Chronik eines angekündigten Todes. Als ob das nicht schon kompliziert genug wäre, birgt seine Personenkonstellation jede Menge Konflikte. Daniel ist ein Mamasöhnchen, und Svenja ist ganz auf ihren Vater fixiert. Viel wissen sie voneinander nicht, haben aber auch kein Interesse aneinander. Und Daniel spielt Svenja einen üblen Streich, den er später noch bereuen wird.

Daniel hat es, verglichen mit seinen Klassenkameraden, natürlich mit einer Reise nach Südafrika gut getroffen, er kennt sich dort aus und freut sich auf ein Wiedersehen mit Freunden und Verwandten. Der Faszination des Fremden erliegt auch Svenja, die sich recht schnell als umgängliches Mädchen erweist. Sie selber entdeckt in sich Fähigkeiten, von denen die anderen nichts wissen. Als Panana verkündet, dass sie zum Artistentraining muss, ist Svenja wie ausgewechselt. Kinderzirkus in Südafrika spielt eine ganz große Rolle für die Annäherung der kleinen Protagonisten.

Aber wie ein Damoklesschwert schwebt über aller Vorweihnachtsfreude die Angst vor Opa Antons Tod. „,Wie schafft ihr beide das nur?“, will die Mutter wissen. „,Wir schaffen gar nichts’, entgegnet Opa Ido... ,Ich versuche, ihm jeden Tag so schön zu machen wie möglich. Manchmal heulen wir. Manchmal lachen wir. Drei Monate sind rund 90 Tage. Vier Monate sogar 120 Tage. Immerhin!’“ Lutz van Dijk bricht in seinem Roman mit einem Tabu. Der Tod eines geliebten Menschen erscheint plötzlich als ein Teil des Lebens, das dieser Mensch gelebt hat. Und alle Beteiligten versuchen, das Beste aus der Situation zu machen.

Viele Formen des Zusammenlebens sind möglich

Es ist alles eine Frage der Einstellung. Das Leben in Südafrika ist auch mehr als 25 Jahre nach dem Ende der Apartheid nicht einfach, und die Probleme dort wiegen schwerer als in Deutschland. Aber es scheint, als lebten die Menschen entspannter. „Bis bald, Opa!“ ist aber kein problembeladener Roman. Van Dijk zeigt Wege auf, menschlich miteinander umzugehen. Svenja entdeckt für sich die Zirkuswelt, in der sie akzeptiert wird, und ihr Können nötigt Daniel Respekt ab. Erfrischend ist auch, dass in diesem Projekt die Hautfarbe keine Rolle mehr spielt.

Daniel hingegen lernt in Südafrika die Geschichte seiner Familie neu kennen. Wenn Opa Anton und Opa Ido ein Paar sind, wer ist dann der Vater der Mutter? Im Prinzip zeigt Lutz van Dijk, dass sowohl die beiden Großväter als auch die neu entstehende Patchworkfamilie Formen des Zusammenlebens bieten, die hier als selbstverständlich vorgestellt werden. Das Ende lässt van Dijk offen, aber alle Beteiligten sind mit sich im Reinen.

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