Karls Verdienst: Das noch vorhandene Wissen zu sammeln

Detail des Karlsschreins im Aachener Dom aus dem 13. Jahrhundert. Karl hält die Kirche in der rechten Hand. Foto: ullstein bild
Karl der Große Der erste Europäer

Nur mit dem Schwert war so ein Reich nicht zusammenzuhalten. Neu war, dass dieser Karl eine Herrschaftsidee hatte. Er fand sie im Glauben, sie umfasste Himmelreich und Hölle. Weltliche Macht und lateinisches Christentum gingen bei ihm eine Liaison ein, die die nächsten 1000 Jahre prägen sollte. Mission war jetzt Unterwerfungstechnik, wie der Historiker Johannes Fried in seiner Karl-Biografie schreibt. Wer künftig in der Fastenzeit Fleisch aß, war des Todes. Selbst der verpflichtende sonntägliche Kirchgang geriet zur sozialen Kontrolle. In seinem Reich mussten alle dem heidnischen Naturglauben abschwören.

Doch auch die Kirche befand sich seinerzeit im Niedergang. Bischof Bonifatius beklagte 750, dass Priester Latein nicht mehr beherrschten. Dabei präsentierte die Kirche das einzige korporative Ordnungsmuster, über das die Zeitgenossen noch verfügten, wie Johannes Fried in seinem bemerkenswerten Buch ausführt. Karl stoppte den Verfall, stritt Zeit seines Lebens mit dem Papst über die religiöse Deutungshoheit. Im Jahr 800 zum Kaiser gekrönt, steht er neben dem Papst der Christenheit vor. Und der Papst machte sich unter Karls Schutz endgültig frei von der anderen, in Italien damals präsenten Schutzmacht: dem oströmischen Kaisertum mit seiner Hauptstadt Byzanz, dem heutigen Istanbul. Das sogenannte Abendland nahm unter Karl Konturen an.

Renovatio imperii Romanorum verkündete Karls Siegelring. Die Erneuerung wurde systematisch betrieben und erfasste alle Lebensbereiche. Sein Verdienst war der Versuch, das noch vorhandene Wissen zu sammeln. Die Klöster wurden angehalten, korrektes Latein zu pflegen, die Bildungssprache, die in allen Teilen des Reiches verstanden wurde. Tausende antiker Handschriften wurden abgeschrieben, übertragen auf haltbares Pergament, nicht nur die Schriften der Kirchenväter, sondern auch Cicero und Sallust, Horaz und Juvenal.

Nur ein Bruchteil des antiken Schriftgutes wäre ohne diesen Aufwand erhalten geblieben, schreibt der Historiker Stefan Weinfurter, auch er Autor einer neuen Karl-Biografie. Und als Jahrhunderte später in der Renaissance die antiken Texte wieder studiert wurden, erfreute man sich an einer Schrift, die man Antiqua nannte, weil man sie für antik hielt. Tatsächlich waren es Kopien, verfasst in der karolingischen Minuskel, einer Schrift, entwickelt von jenen Intellektuellen, die Karl um sich scharte und deren Grundlagen noch heute verwendet werden.

Sein Sohn konnte das Reich nicht zusammenhalten, die Enkel gingen aufeinander los

Nicht nur der Krieg, auch Bücher kosteten ein Vermögen. Für einen Folianten benötigte man im 8. Jahrhundert die Haut einer Schafherde. Und die Landwirtschaft in Karls Zeit erbrachte wenig mehr als das, was fürs Überleben der Erzeuger nötig war. Weshalb selbst Karls Königshof zum Reisen verurteilt war. Kaum ein Ort im Reich war in der Lage, die 2000 Personen seiner Entourage über längere Zeit zu versorgen. Auch Aachen fiel das schwer, als der alternde Herrscher die Stadt schließlich zu seinem bevorzugten Wohnsitz machte, weil er lieber dort in den warmen Quellen saß als auf dem Rücken seines Pferdes. Karl ließ Aachen zur Residenz ausbauen, Marmor, ganze Säulen und antike Bauteile wurden in Ravenna und Rom demontiert und zur Wiederverwertung über die Alpen geschafft.

Fast so etwas wie Planwirtschaft scheint in Karls Organisationsstreben auf. Die Frankfurter Synode (794) verhandelte Fragen des Glaubens, aber auch des Münzwesens. Dieses wurde vereinheitlicht – selbst die Angelsachsen, die nicht zu Karls Reich gehören, schlossen sich an. 1,7 Gramm Silber entsprachen auch bei ihnen einem Denar – ein fester Wechselkurs 1200 Jahre vor dem Euro. Gewichte und Preise wurden festgelegt, für die Krondomänen Ausrüstungsstandards geschaffen, bis hin zu der Frage, welche Apfelbäume zu pflanzen waren.

Karls Sohn konnte das Reich nicht zusammenhalten, die Enkel gingen aufeinander los, zwei verbündeten sich in Straßburg gegen den Dritten. Sie taten das in einer romanischen und einer fränkischen Sprache, manche Forscher sehen darin die Wurzeln des Französischen und des Deutschen. Als ältestes Dokument spiegeln die Straßburger Eide die sprachliche Trennung der Reichsteile. Westfranken entsprach über Jahrhunderte recht genau den französischen Grenzen. Ostfranken bildete große Teile des heutigen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz ab.

Es gab also keine Kontinuität, kein neues Rom – auch nicht in Aachen. Aber es gab einen neuen Anfang. Johannes Fried nennt es die Wiedergeburt des logischen, überprüfbaren Regeln unterworfenen Denkens. In der Forschung spricht man von der karolingischen Renaissance. Eine Bilanz, derer man sich nach 1200 Jahren noch erinnert. Nicht schlecht für einen Herrscher, der wahrscheinlich Analphabet war, aber als Erster die Bildung zur Chefsache machte.

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