Wohlstand durch Wachstum - das ist der Urmythos des kapitalistischen Wirtschaftens. Foto: imago/Ikon Images
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Kapitalistischer Raubbau an der Natur Kreislaufwirtschaft ist eine Illusion

Der Philosoph Pierre Charbonnier schreibt eine ökologische Geschichte der politischen Ideen.

Unter dem Titel „Die große Transformation“ beschrieb der ungarisch-österreichische Wirtschaftssoziologe Karl Polanyi 1944 am Beispiel Englands die tiefgreifende Umgestaltung der westlichen Ordnungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Diese gingen mit der Verselbstständigung einer von politischen Eingriffen weitgehend unbelästigten liberalen Marktgesellschaft einher. Seit Arbeit, Grund und Boden und Geld zu „fiktiven“ Waren erklärt und von ihrer Beziehung zu den lebensnotwendigen Ressourcen abgekoppelt wurden, dominieren Tauschbeziehungen. In der Folge wuchs nicht nur die Ungleichheit, das Marktsystem bedroht, so Polanyi, zunehmend auch die die Menschheit tragenden Subsistenzgrundlagen.

Es ist kein Zufall, dass die Wiederentdeckung dieses Werkes in die 1980er-Jahre fiel, als der kapitalistische Raubbau an der Natur unübersehbar wurde und ein sich schärfendes Umweltbewusstsein nach Theorien fahndete, die das, was wir heute die ökologische Krise nennen, einfingen. Seither ist Polanyi aus dem Denken von Wirtschaftssoziologen und Bioökonomen nicht mehr wegzudenken. Auch für den 1983 sozusagen nachgeborenen französischen Philosophen Pierre Charbonnier, Mitarbeiter am Pariser Centre National de la Recherche Scientifique, ist Polanyi ein wichtiger Stichwortgeber. Denn dieser verhalf der sozialistischen Theorie zumindest ansatzweise auf die ökologischen Füße.

Charbonnier geht es in seiner Studie „Überfluss und Freiheit“ indes darum, die politische Ideengeschichte auf ihre materiellen Grundlagen abzuklopfen und das „ökologische Problem“ aus dem Dunstkreis einer, wie er sagt, „separatistischen“ Umweltgeschichte zu lösen und zu politisieren. Die beiden Titelbegriffe sind so das Geländer, an der sich die Untersuchung orientiert. Sie stehen für den „liberalen Pakt“, der es seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts ermöglichte, ein Paradoxon zur Leitidee zu machen: das Versprechen, die Menschheit durch unablässiges Wachstum vom Mangel und den Wechselfällen der Natur zu erlösen und damit in die Freiheit zu entlassen.

[Pierre Charbonnier: Überfluss und Freiheit. Eine ökologische Geschichte der politischen Ideen. Aus dem Franz. von Andrea Hemminger.

S. Fischer, Frankfurt 2022. 506 S., 36 €.]

Dagegen setzt der Philosoph drei Kategorien, die aus den „Sackgassen des Naturbegriffs"“, also der Vorstellung einer exterritorialisierten „Natur“ führen sollen, die neben natürlichen Ressourcen auch zu Natur erklärte Frauen und fremde Territorien und Völker einschließt. Die drei Kategorien lauten: substituieren, bewohnen, erkennen. Die erste bezieht sich auf die basalen Lebensbedingungen, die zweite auf den Lebensraum als Ort von Sicherheit durch Eigentum und die dritte auf die Artikulation von Autorität, wie die Dinge sinnvoll zu nutzen sind. Denn die „Formen der Erkenntnis der Welt sind nicht zu trennen von der Art und Weise, wie sich das Soziale selbst erkennt und definiert."“

Nützlichkeit des Bodens

Charbonniers Durchgang durch die Ideengeschichte, der die „Affordanzen“, also die funktionale Nützlichkeit des Bodens, zum Ausgangspunkt haben, beginnt bei John Locke, der vorschlug, den Überfluss des Bodens mittels gezielter menschlicher Arbeitsleistung zu kultivieren. Die aus Lockes Sicht friedliche Aufteilung des Bodens war der Ursprung des Rechts. Von den Überschüssen profitierten die städtischen Eliten und der untätige Agraradel, die verarmten bäuerlichen Massen trieb es in die Städte.

Der Vater der Politischen Ökonomie, Adam Smith, brachte schließlich die Idee noch intensiverer Ausnutzung durch Arbeitsteilung ins Spiel und erklärte die Wirtschaft für autonom. Damit war der kapitalistische Gründungsmythos – Wohlstand durch Wachstum – in der Welt. Es war ein aus der Perspektive deutscher Kleinstaaterei argumentierender Philosoph, nämlich Fichte, der darauf hinwies, dass dies nur um den Preis der Kolonialisierung rechtsfreier Räume möglich sei.

Der Autor folgt einer Reihe von hierzulande nicht so bekannten Ideengebern wie François Guizot oder William Jevons. Während der französische Politiker darauf hinwies, dass die unbegrenzt angenommene Autonomie (des französischen Volkes) einer Selbstkontrolle bedürfe , erkannte der englische Ökonom, dass die Kohle als Garant von Autonomie von Erschöpfung bedroht sei, weil immer neue technologische Innovationen zu ihrer vermehrten Ausbeutung führt. Im Übergang zu den neuen Energieformen (Kohle, später Öl), der Transformation der Arbeit zur Ware und des Geldes zu Kapital im Zuge der Industriellen Revolution werden diese Paradoxa um so wirksamer, als sich der koloniale Zugriff auf die ganze Erde ausdehnt.

Frühsozialistische Kritiker wie Proudhon oder Saint-Simon suchen das Heil im Korporatismus und in technokratischen Lösungen. Der amerikanische Ökonom Thorstein Veblen dagegen erklärt der Ressourcenverschwendung durch Effizienz den Krieg und macht den Ingenieur zur Leitfigur. Marx hatte ein ambivalentes Verhältnis zum Boden, weil sich das revolutionäre Subjekt vom Acker verabschiedet hatte und er einer „produktionistischen“ Partnerschaft von Mensch und Natur anhing. Die ökologischen Kosten der von ihm erhofften Vergesellschaftung entgingen ihm. Emile Durkheim dagegen wies hellsichtig auf die mit dem Überfluss verbundenen psychosozialen Folgen hin, indem er zeigte, dass Überfluss nicht mit Glück korreliert und zu viel Konsum die sozialen Beziehungen störe.

Vernachlässigung der Natur

Mit Polanyi ist sich Charbonnier einig, dass die Vernachlässigung der Natur im sozialistischen Denken einem reaktionären Diskurs die Tore öffnete, der den Boden verherrlichte und den Raum als Ort kollektiver Integration und Identität beschwor. Die Diskrepanz zwischen dem Tempo der verselbstständigten Wirtschaft, ihrem Zerstörungswerk und der Nichteinlösung der Gerechtigkeitsversprechen des liberalen Pakts birgt ein Potenzial, das sich nach links wie rechts entfalten kann.

Während die Natur bis dahin als ein Zwang verstanden wurde, von dem es sich zu emanzipieren gilt, um aus dem ihr abgerungenen Überschuss Freiheit zu schöpfen, verkehrt sich dieses Verhältnis nach dem Zweiten Weltkrieg in ihr Gegenteil. Herbert Marcuse imaginiert die Natur als einen von Arbeit freier Raum, wobei auch er wie viele linke Theoretiker in ihr „das Andere“ sieht.

Erst die aufkommende Wachstumskritik seit den 1970er Jahren nimmt den Überschuss nicht als Freiheitsversprechen, sondern als Pathologie des kapitalistischen Wirtschaftssystems wahr und dringt entweder auf Mäßigung oder, wie später die Bioökonomen, auf die Einpreisung der ökologischen Kosten in die gesamtgesellschaftliche Buchführung einzupreisen. Allerdings hingen sie, so Charbonnier, einem „Energiefetischismus“ an, der letztlich keine Lösung außer regulativer Verlangsamung bereithält. In Anschluss an Nicholas Georgescu-Roegen hät dies der Philosoph für unzureichend, weil nach dem Prinzip der Entropie dem System immer externe Energie zugeführt werden muss. So gesehen ist Kreislaufwirtschaft eine Illusion.

Kritik der ökologischen Ökonomie

Aus dieser Kritik an der ökologischen Ökonomie sei, so Charbonnier, nicht die Konsequenz zu ziehen, einfach auf den erlösenden Kollaps zu warten oder sich an die Umstände anzupassen. Vielmehr müssten wir uns der Einsicht stellen, dass „unsere“ Moderne im Hinblick auf Macht- und Autoritätsverhältnisse eine doppelte Ausnahme darstellt. Sie ist nicht die Norm der Geschichte. Denn die mit der Aufklärung verbundenen Gerechtigkeitserwartungen „sind mit einer Wette auf die gegenseitige Verstärkung von Demokratisierung und Bereicherung verbunden“ – zu Lasten der Natur, anderer Territorien und des Sozialen.

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Charbonnier schlägt dagegen eine geistige Bewegung vor, die auf „Symmetrisierung“ zielt, sowohl was die Natur als auch das Nicht-Menschliche und das Kolonisierte betrifft und eine grundlegende Abkehr vom eigentumsgestützten „Produktionismus“ der Moderne mit seiner Aufspaltung in handelnde Subjekte und dienende Objekte erfordert. Der Autor macht keinen Hehl daraus, dass dies nur im Rahmen einer völlig neu gedachten sozialistischen Bewegung möglich ist, mit neuen Achsen der Theoriebildung, die den Raum, die Subsistenz und das demokratische Wissen zum Ausgangspunkt macht. Das kollektive Subjekt, das dies in Bewegung setzt, muss allerdings erst noch gefunden werden.

Unsere Idee der Freiheit, das zeigt Charbonnier in seinem stilistisch leider sperrigen Buch, hat eine materielle Geschichte und ist mit den Möglichkeiten des Bodens und den sich daraus entwickelnden Konflikten verbunden. Die Herausforderung angesichts der geoökologischen Umwälzungen besteht darin, die Freiheit vom Überfluss zu entkoppeln, der sie einmal ermöglicht hat – ohne diese aufzugeben.

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