Maximale Freiheit, minimale Verantwortung. Wie bekommt man den Hass in sozialen Medien unter Kontrolle? Foto: imago/Ralph Peters
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Kapitalismuskritik Die Feindseligkeit aller gegen alle

Hendrikje Schauer

Der Berliner Literatur- und Kulturwissenschaftler Joseph Vogl untersucht die zerstörerische Beziehung von „Kapital und Ressentiment“.

Wenn die Welt untergeht, wer darf den Untergang beschreiben? Die Frage stellt sich spätestens auf den letzten Seiten von Joseph Vogls „Kurzer Theorie der Gegenwart“. Das Buch entlässt seine Leserinnen und Leser in eine Art zweiten Naturzustand: in den ökonomischen Konflikt, nicht in die ökologische Idylle. Der letzte Satz rückt einen mutmaßlich drohenden Krieg in den Horizont der Gegenwart.

Der Berliner Literaturwissenschaftler Joseph Vogl nimmt sich nun zum dritten Mal die Welt der Finanzen vor. „Das Gespenst des Kapitals“, sein Essay zur Finanzkrise machte 2010 den Auftakt. Der Neigung der Politischen Ökonomie zur „Geisterkunde“ spürte Vogl mit Witz und Scharfsinn nach und ging den Darstellbarkeitsgrenzen des Finanzregimes auf den Grund. Darauf folgte 2015 der strengere „Souveränitätseffekt“: Vogl analysierte das Zusammenwirken von Staat und Kapital. Mit „Kapital und Ressentiment“ liegt nun das bisher düsterste Buch vor. Die Gegenwart sieht Vogl in spröder Balance.

[Joseph Vogl: Kapital und Ressentiment. Eine kurze Geschichte der Gegenwart. Verlag C.H. Beck, München 2021. 224 Seiten, 18 €.]

Wenn er die Jetzt-Zeit als „Feindseligkeit aller gegen alle“ beschreibt, ruft er die Imaginarien vorstaatlicher Naturzustände auf. Eine drastische Schilderung hatte der britische Philosoph Thomas Hobbes 1642 im Buch über den „Bürger“ geliefert, fast 10 Jahre vor dem „Leviathan“. Finster ist das Bild vom umfassenden Kriegszustand ohne Kriegserklärung: ein „bellum omnium contra omnes“. Bei Hobbes wird das Szenario für den vorstaatlichen Krieg letztlich aus dem Menschenbild abgeleitet: Seine Wolfsnatur des Menschen ist sprichwörtlich geworden – und hat radikale und liberale Revisionen hervorgebracht.

Auf dem Und liegt die Begründungslast

Um die Szenerien der allgegenwärtigen Feindschaft, die Vogl in den Blick nimmt, steht es komplizierter. Zwei Dimensionen hebt er hervor: Die universale Feindseligkeit sei Geschäftsmodell und zugleich Gemeinschaftsgefühl – das ist die titelgebende Grundidee: „Kapital und Ressentiment“. Die Variation klassisch kapitalismuskritischer Titelpaare darf dabei mitgehört werden: Die Begriffskette lautet nicht mehr „Lohnarbeit und Kapital“, wie noch bei Karl Marx, auch nicht „Kapital und Ideologie“, wie zuletzt bei Thomas Piketty. Hier wie dort liegt auf dem unscheinbaren „und“ große Begründungslast. Die Verknüpfung markiert den zentralen Nexus. Mit „Lohnarbeit und Kapital“ wollte Marx den Schlüssel zum Ausbeutungsproblem liefern, in „Kapital und Ideologie“ befragt Piketty die Legitimation von Ungleichheiten.

In „Kapital und Ressentiment“ liegt der Akzent auf der Affektökonomie des gegenwärtigen Kapitalismus. Wie stützt allseitige Feindseligkeit als Gemeinschaftsgefühl ein auf eben jener Feindseligkeit beruhendes Geschäftsmodell? Zwei Argumentationsstränge verlaufen parallel: Vogl verfolgt zum einen die Entwicklung des Finanzkapitalismus seit den 1970er Jahren hin zur Internetindustrie. Sie beruhe auf der Eroberung einer neuen Ressource als immaterieller Quelle von Wertschöpfung: der Information.

Im Ressentiment erblickt Vogl das zugehörige Gemeinschaftsgefühl: die „Moral des Ökonomischen“. Frustration über Benachteiligung ist nur die eine Zutat. Explosiv wird die Mischung, wenn unerfüllte Gleichheitsvorstellungen hinzukommen. Ressentiment ist mit anderen Worten dauerhaft enttäuschtes Vergleichsbewusstsein. Es entlädt sich, so Vogl, kaum je in eine politisch fruchtbare Richtung.

Die beiden Stränge, Geschäftsmodell und Gemeinschaftsgefühl, überlagern sich unheilvoll in den „Wahrheitsspielen“ der Internetindustrie. Auf solche Konvergenz zielt das Titelpaar. Nicht nur im, auch hinter dem Und steckt eine Pointe, beschreibt Vogl doch nichts weniger als einen Strukturwandel der Öffentlichkeit – eine Landnahme öffentlicher Sphären durch private Unternehmen.

Dezent kündigt sich die Transformation bereits im ersten Kapitel an, wenn das „Finanzregime“ als „vierte Gewalt“ tituliert wird, die sich neben Regierung, Parlamenten und Gerichten etabliert. Wie steht diese neue „vierte Gewalt“ zur ideengeschichtlich traditionelleren Gestalt gleichen Namens: zu Presse und öffentlichen Medien? Trägt sie dazu bei, dass Publizieren immer demokratischer wird?

Nie war es leichter, sich an den Gatekeepern des publizistischen Gewerbes vorbeizuschlängeln und ohne das Gütesiegel von Lektoren oder Redakteurinnen Texte in die Öffentlichkeit zu tragen: Kann die digitale Pinwand das Kirchentor ersetzen? Geht Thesenanschlag jetzt online? Wer so argumentiert, habe die Rechnung ohne die algorithmengesteuerten Interessen der Plattformen gemacht.

Maximale Freiheit, minimale Verantwortung

Dabei profitieren Medienkonzerne und Digitalfirmen von weitreichenden Freiheiten, ohne – wie Verlage und Publikationsorgane üblicherweise – für Inhalte und Fehler in die Pflicht genommen zu werden. Noch der unbedeutendste Blog nennt einen Verantwortlichen im Sinne des Pressrechts, der bei Beleidigungen oder anderen Vergehen persönlich zur Rechenschaft gezogen wird. Nicht so die großen Plattformen: Sie gelten als Vermittler, nicht als Verleger oder Redakteure – und können für die eingestellten Inhalte nur in seltenen Fällen haftbar gemacht werden.

International sichert eine ganze Reihe von Regeln diese seltsame Konstruktion ab – nach dem Vorbild des amerikanischen Communications Decency Act aus dem Jahr 1996. Das Ergebnis ist eine Art „Internet-Exzeptionalismus“, wie Vogl schreibt: „Wer veröffentlicht, ist nicht verantwortlich, wer aber Content verantwortet, betreibt keine Veröffentlichung.“ Maximale Freiheit, minimale Verantwortung – ein Pyrrhussieg für die Meinungsfreiheit? Über die moralischen und juristischen Grenzen des Sagbaren wurde gestritten, seit das Nomen „Öffentlichkeit“ erstmals auftrat: 1765 in Wien, für den deutschsprachigen Raum, damals noch unter warnenden Vorzeichen.

Das Stück war ein Traktat des aufklärerischen Schriftstellers und Juristen Joseph von Sonnenfels, es ging um die gute Verwaltung. Öffentlichkeit könne schaden, hieß es da, sie führe zwangsweise zur „Verbreitung irriger, ärgerlicher und gefährlicher Meinungen“. Zwangsweise? Gemeint war: Wenn es keine Zensur gäbe, die solche Gefahren unterbinden würde. Sie müsse folglich weit ausgreifen, nicht nur auf Bücher, Schauspiele, Lehrsätze oder Zeitungen, sondern auch auf Reden, Bilder, Kupferstiche – „und was sonst immer eine Art von Öffentlichkeit, wenn man so sagen darf, an sich hat“.

Die Freiheit zur frivolen Rede ist noch jung

Durchsetzen konnte sich die paternalistische Vorstellung von Sonnenfels nicht, jedenfalls nicht in demokratischen Gesellschaften. Ob „freedom of speech“ oder Zensurverbot: Juristisch wurden die Grenzen des Nicht-Sagbaren immer enger gezogen. Die Freiheit, ungestraft auch Frivoles sagen oder schreiben zu dürfen, ist freilich auch in Europa gerade mal ein halbes Jahrhundert alt.

Mit den Befreiungsschlägen wuchs das Bewusstsein für ein anderes Problem: Auch wenn sich alles sagen lässt, wird längst nicht alles gehört. Die ökonomischen Ungleichgewichte auf den Publikationsmärkten kanalisieren und skalieren. In Amerika diskutierte die „Commission on Freedom of the Press“ bereits vor 1945 über die Gefahren publizistischer Monopolbildung.

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An den Debatten um Joseph Vogl in den sozialen Medien lässt sich die Summe des Buchs am besten prüfen: Stabilisieren Affektökonomien mit dem „Treibstoff des Ressentiments“ letztlich den Plattformkapitalismus, die jüngste Stufe eines seit den 1970er Jahren etablierten Finanzregimes? Sind alle, die Vogls Buch mit Begeisterung via Amazon und Facebook als „Bestseller Nr. 1“ begrüßt haben, gar nicht so revolutionär wie sie sich fühlen, sondern wider Willen Agenten des Systems, das sie zu durchschauen meinen?

Ist der Beobachter Teil des Szenarios?

Gegen Strukturen hilft nicht die Barrikade, sondern nur die Theorie: Das wusste schon Marx. Der Enthusiasmus, mit dem Vogls Analyse begrüßt wird, erlaubt auch die Probe auf die Sprengkraft: Ist die Beobachtung Teil des beschriebenen Szenarios – oder erobert sie eine exzentrische Position, die Hobbes, Rousseau und Marx durch Theorieproduktion im Exil markiert haben?

Wenn die Welt in Papier- und Pixelgewittern untergeht, dann steckt noch im schwärzesten Szenario die Läuterung – und sei es als melancholische Einsicht in die „Special Effects“ solcher Untergänge. Wenn das Und zwischen „Kapital“ und „Ressentiment“ uns keine Wahl lassen sollte, dann liefert das Buch eine Steilvorlage für die Parlamente: Nur die Gesetzgebung kann ändern, was die Gesetzgebung zugelassen hat. Theorie freilich macht keine Lobby-Arbeit, und so kündigt sich als Held des nächsten Vogel-Buches, mehr mit Franz von Assisi als mit Marx, schon in mönchischer Kutte der ökonomische Verzicht an.

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