Latin Lover in Nöten. Ferrando (Jaeil Kim) ist nicht nur mit Liebesschwüren beschäftigt. Foto: Uwe Hauth/Kammeroper Schloss Rheinsberg
© Uwe Hauth/Kammeroper Schloss Rheinsberg

Kammeroper Schloss Rheinsberg Verführung der Verführer

Flirrend und fragend: Mozarts „Così fan tutte“ feierte Premiere in Schloss Rheinsberg. Als Oper der Jugend mit jungen Sängerinnen und Sängern.

Was kann an einem solchen Abend schon schiefgehen? Intendant Frank Matthus braucht sie gar nicht zu beschwören, die zauberhafte Kulisse von Schloss Rheinsberg, die in der Abendsonne schwirrenden Schwalben, den Sonnenuntergang hinter sanften Wolkenschleiern, der zu den Liebesschwüren von Fiordiligi und Ferrando den ausgebufftesten Beleuchtungsmeister in Verlegenheit zu bringen vermag. „Soave sia il vento“ – günstige Winde sind ihnen gewiss, den Liebenden in allen denkbaren Konstellationen.

Regisseurin Arila Siegert lässt die sechs Protagonisten auf Moritz Nitzsches schräg zum See abfallender Bühne ein tänzerisch leichtes Bäumchen-wechsel-dich-Spiel veranstalten, ergänzt durch die Chorsolisten, die zugleich die Zweitbesetzung bilden, schon hier ein Bild des ewigen Wechsels, des Täuschungsmanövers. Siegert erwarb ihre frühen Meriten im Tanz, und so ist diese „Così“ auch ein Zusammenspiel geschmeidiger Bewegungen, ästhetischer Körperbilder, wie improvisiert verspielten Herumtändelns mit Schleiern, Blumenkränzen, Florett-Degen. Als probierte man sich aus, in der Opernschule – oder in der „Schule der Liebenden“. Im letzten Jahr gab's zum Sommer "Carmen" in der Kammeroper in Rheinsberg.

Mozarts „Cosi fan tutte“ ist eine Oper der Jugend, wie gemacht für die Sängerinnen und Sänger der Rheinsberger Kammeroper. Sie müssen kaum aus ihrer Persönlichkeit heraus- und in die Rolle schlüpfen; sie sind einfach junge Leute von heute, aus einer ohne Frage saturierten Gesellschaftsschicht, sorglos, gewitzt und sehr selbstsicher. Der hochgewachsene, blonde Guglielmo, den Yannick Debus mit unangreifbar sonorem Bariton ausstattet, der Latin Lover Ferrando mit Schnurrbärtchen (Jaeil Kim mit facettenreichem „spinto“-Tenor), wie sie da sitzen und über „Frauen“ schwatzen, könnte das auch in einem x-beliebigen Café um die Ecke sein. Jung ist auch Don Alfonso (Guillem Batllori Pagès), kein vom Leben enttäuschter Zyniker, eher ein theoretisierender Besserwisser in schwarzem Hut und Mantel (Kostüme ebenfalls von Nitsche): „Einfach so“, wohl aus Mangel an eigener Praxis, organisiert er das Experiment, die Treue der Partnerinnen seiner Freunde auf die Probe zu stellen. Despina, sein Gegenstück, bemüht sich gar nicht erst, diesen Unsinn zu durchschauen, – sie tut alles, wofür sie bezahlt wird. Georgia Tryfona gibt sie mit kräftigem Sopran als hart arbeitende Frau, die die Luxusprobleme ihrer Herrschaft mit Kopfschütteln betrachtet.

Denn Gefühle muss man sich leisten können. Und das können Fiordiligi und Dorabella, zwei Tussis wie aus dem Modemagazin. Sie aalen sich am Strand, und wenn sie hohe Spitzentöne singen, halten sie sich die Nase zu und tauchen in ein Wellengewirr aus Schleiertüchern.

Das Kammerorchester Potsdam wird von Ivo Hentschel zur Präzision angefeuert

Cathy-Di Zhangs schlanker Sopran erklimmt ebenso mühelos höchste Höhen wie später tiefste Tiefen und zeigt dabei einen leichten, hier sehr passenden Hang zum Überdramatischen; schön harmoniert dazu der kernigere, mattschimmernde Mezzo der Joanna Talarkiewicz.

Zu all dieser sängerischen Beweglichkeit, Spritzigkeit passt das von Ivo Hentschel zu gut gelaunter Präzision angefeuerte Kammerorchester Potsdam aufs Beste, ist niemals um virtuoseste Klarinetten- oder Flötenläufe auf duftigem Streicherteppich verlegen und arbeitet doch deutlich die nachdenklichen, lyrischen, zärtlichen Klänge Mozarts heraus, die diese flirrende Leichtigkeit durchbrechen und hinterfragen.

So weit die leichte Sommerkomödie um Partnertausch und Gefühlsverwirrung, aus der man zum Schluss zur Vernunft und zur alten Ordnung zurückkehrt, nicht ohne begehrliche Blicke auf die andere Seite zu werfen. Sie treibt komödiantische Blüten, wenn die Liebhaber mit vertauschten Perücken im beklecksten Urlaubsdress „Herzöge aus Albanien“ spielen, sich im Werben um die jeweils andere Verlobte im Liebes- und später im Gift-Delirium winden. Despina läuft als Arzt Dr. Mesmer mit zitterndem Magneten zu Fagott-Trillern und später als ehestiftender Notar zu großer Form auf. Da wiehert das Publikum vor Vergnügen.

Sänger, Musiker, Publikum - Spaß haben alle bei dieser "Così"

Guglielmo und Dorabella tauschen Herzchen gegen Fotos. Das zarte Taubengegirre des „falschen“ Liebespaares wird überhöht von der echten Leidenschaft zwischen Fiordiligi und Ferrando – Kim höchst glaubhaft mit dem berühmten „Odem der Liebe“, Zhang mit fast furchterregendem Ernst im „Per pietà, ben mio“, eingeschnürt in den von ihren beiden Liebhabern gehaltenen schwarzen Schleier.

Doch passt die Doppelmoral von den Treue erprobenden Männern und den der Verführung erliegenden Frauen noch in unsere Zeit? So machen es eben alle, offen polygam die einen, hinterhältig treulos die anderen? Sollten da Fiordiligi und Dorabella nicht eher sagen „MeToo“? Arila Siegert hält nichts von Opferrollen, lässt die Frauen das Komplott hinter den Schlosskolonaden belauschen. Der Spieß wird fortan umgedreht, Verführung der Verführer betrieben. „Welchen willst du? Ich nehme den Braunen, du den Blonden“ ist da eine fast schon müßige Frage. „Wir werden mächtig Spaß haben“ dagegen keine, denn den haben zweifellos Sänger, Musiker und Publikum – und dazu gehört auch, dass hinterher nichts mehr so ist, wie es vorher war, auf dem Weg zur Aufrichtigkeit der Gefühle.

Weitere Vorstellungen bis 28. Juli. Weitere Infos: www.kammeroper-schloss-rheinsberg.de

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