Der Musiker Boris Brovtsyn. Foto: Spectrum Archive
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Kammermusiksaal 32. Saison der Spectrum Concerts Berlin beginnt

Verantwortung für gemeinschaftliches Musizieren: Zur 32. Saison hat man sich für die ruhmreiche Veranstaltung etwas ganz Besonderes einfallen lassen.

Wer von den Spectrum Concerts Berlin kammermusikalische Intimität in ihrer intensivsten Ausprägung gewohnt ist, reibt sich an diesem Abend erst einmal die Augen: Zur Eröffnung der 32. Saison dieser ruhmreichen Einrichtung hat sich ihr künstlerischer Leiter Frank Dodge etwas Besonderes einfallen lassen.

23 junge Musikerinnen und Musiker bevölkern die Bühne des Kammermusiksaals, ein zum Kammerorchester erweitertes Spectrum-Ensemble. Angeführt werden die Studierenden und jungen Berufsanfänger aus renommierten Orchestern von der Geigerin Latica Honda-Rosenberg und dem Cellisten Jens Peter Maintz, beide bewährte Spectrum-Mitglieder und wesentliche Impulsgeber, die aber niemals dirigierend eingreifen.

So ist hier die Verantwortung für gemeinschaftliches Musizieren jeder und jedem Einzelnen übertragen, vollzieht sich – bis auf die Cellogruppe in stehender Aktion – in denkbar größter Flexibilität, Beweglichkeit und Einmütigkeit.

In Edward Elgars Streicherserenade e-Moll kann das der Behäbigkeit des brahmsisch getönten Stücks noch nicht ganz abhelfen. In Béla Bartóks Divertimento für Streicher jedoch ist die Wucht der ostinaten Akkordfolgen, denen jede serenadenhafte Harmlosigkeit ausgetrieben ist, restlos überzeugend, auf deren scharfer rhythmischer Grundlage sich vielfältige melodische Dialoge abspielen.

Die Melodik als menschlich-utopisches Moment im Panorama bedrohlicher Untertöne prägt auch Karl Amadeus Hartmanns „Concerto funebre“, wie Bartóks Werk 1939 entstanden. Der Ungar floh vor den Nazis ins amerikanische Exil, Hartmann ging in die innere Emigration.

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Werke des Abschieds von unwiederbringlichen Lebensmöglichkeiten sind sie beide, und selten ist das so klar zu hören wie in der Spectrum-Interpretation mit dem ernsthaften, intensiven und subtilen Boris Brovtsyn als Solisten.

Seine Trauertöne, in verstörender Reinheit höchste Lagen erreichend, haben in wohldosiertem Vibrato-Einsatz etwas Erstarrtes, befreien sich im einzigen Allegro des viersätzigen Werkes zu wilder Verzweiflung.

Virtuosität hat dieser nur der Substanz verpflichtete Künstler nicht nötig, auch nicht im fast provokativ mit Dreiklangmotiven spielenden Violinkonzert von Andrzej Panufnik, deren poetische Verflechtungen im Finale zum neckischen Pingpong-Spiel werden – auch dies ein Paradebeispiel kammermusikalischer Durchdringung.

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