Machen tapfer weiter. Manfred Maurenbrecher, Christoph Jungmann, Horst Evers, Bov Bjerg und Hannes Heesch (von links) werden dieses Mal pandemiebedingt weniger Lieder präsentieren. Foto: David Baltzer, Agentur Zenit
© David Baltzer, Agentur Zenit

Kabarettistischer Jahresrückblick 2020 Die innere Puppe ausleben

Eine Berliner Instanz: Der „Kabarettistische Jahresrückblick“ – dieses Mal mit Drosten, Trump und Merkel. Und insgesamt ein bisschen anders.

Schon seit 1997 finden sich Bov Bjerg, Horst Evers, Hannes Heesch, Christoph Jungmann und Manfred Maurenbrecher immer im Dezember zum „Jahresendzeitteam“ zusammen. Längst sind sie zur Berliner Instanz geworden.

Denn beim „Kabarettistischen Jahresrückblick“ im Mehringhoftheater – und ab Anfang Januar dann in der Komödie am Kurfürstendamm im Schillertheater – präsentieren sie nicht nur mit satirischem Übermut die Aufsteiger und Absteiger des verflossenen Jahres, sondern nehmen auch immer wieder Berliner Pleiten und Pannen in den Blick. Der Auftritt der Fünferbande ist für viele mittlerweile ein unverzichtbares Jahresendzeitritual. Es lebt von den unterschiedlichen Temperamenten und Tonlagen der Künstler.

Dieselbe Prozedur wie jedes Jahr das ist diesmal nicht möglich. Wegen des Lockdowns kann der Rückblick nicht auf der Bühne stattfinden. Doch die fabulösen Fünf wollten ihre Anhänger nicht im Stich lassen. Und deswegen haben sie sich zusammen mit den Veranstaltern entschlossen, den Rückblick ins Netz zu verlegen. Und es ist ja auch hoch hergegangen in den vergangenen Monaten.

Einen Tag vor der Aufzeichnung hatten drei Journalisten die Gelegenheit, die Proben im leeren Mehringhoftheater zu besuchen. In der ersten Nummer sind die Kabarettisten physisch gar nicht anwesend, zumindest nicht sichtbar. Denn es handelt sich – und das ist eine Überraschung – um ein Puppenspiel.

Auf Anraten des Charité-Virologen Christian Drosten hätten sie sich aufs Puppentheater verlegt, weil man da gut Abstand halten könne, berichtet Christoph Jungmann. Das war vor einigen Wochen, als die fünf noch davon ausgingen, dass sie auf der Bühne auftreten können. Sie haben auch extra Unterricht bei einer Puppenspielerin genommen. Dass die niedlichen Handpuppen es auch in die Streamingversion geschafft haben, ist ein Glück.

Scherz mit Merz, dem ehrgeizigen Kanzlerkandidaten

Denn es ist ein Heidenspaß, wie die Puppendoubles von Bov Bjerg, Horst Evers und Manfred Maurenbrecher sich in die Wolle kriegen über die Frage, wer denn nun das Krokodil spielen darf. Evers freut sich jedenfalls, seine „innere Puppe ausleben zu können“. Doch auch der „virologische Imperativ“ (Drosten) wird diskutiert – und es gibt auch einen Seitenhieb auf den „virologischen Imperator“ (Söder).

Als dann plötzlich Angela Merkel mit einer Riesenspritze auftaucht, zittern alle vor Schreck. In dem Serum könnten doch Mikrochips von Bill Gates sein! Verschwörungsmythen auf Puppenspiel-Putzigkeit herunterzubrechen – eine lustige Form der Entzauberung.

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Das Personenkarussell hat sich etwas gedreht. Christoph Jungmann führt wie immer als Angela Merkel durchs Programm. Donald Trump darf ein letztes Mal Fake News verbreiten. Diesmal heißt es auch: Scherz mit Merz – der ehrgeizige Kanzler-Aspirant hat es jetzt doch noch in den Jahresrückblick geschafft.

Zum ersten Mal mit dabei ist Christian Drosten, der Superstar unter den Virologen. Parodist Hannes Heesch spielt die Eminenz im Weißkittel und trifft perfekt das Timbre des Corona-Erklärers. Der muntere Dialog mit Merkel kreist um die Kanzlerfrage.

Drosten macht keinen Hehl daraus, dass er die CDU-Kandidaten alle für nicht geeignet hält. Er bekniet Merkel: Jetzt brauche es einen Experten, einen Wissenschaftler als Regierungschef. Und redet sich regelrecht in Rage als Corona-Aufklärer. Sein Vortrag über das Infektionsgeschehen in Biergläsern – da tummeln sich ganze Viren-Kohorten! – lässt einen regelrecht erschauern.

Auch der Wirecard-Skanald kommt auf den Tisch

Es wird aber nicht monothematisch nur um die Pandemie gehen. Über den Wirecard-Skandal wird mit einer Coverversion des Liedes „Jawohl, meine Herrn“ gespottet. „Erkennt man, dass ich Heinz Rühmann bin?“, ruft Horst Evers den anderen zu. Für Hans Albers würde ihn wohl niemand halten.

Es wird auch wieder ein Verstorbener des Jahres geehrt. Diesmal wird an den amerikanischen Säden amerikanischen Sänger und Songschreiber Bill Withers erinnert. Dessen Song „Lovely Day“ haben die Fünf umgedichtet zu einem Spottlied auf den Hauptstadtflughafen BER, der mit neunjähriger Verspätung eröffnet wurde. Evers muss noch den Text lernen mit all den Destinationen, zu denen man derzeit ninger und Songschreiber Bill Withers erinnert. Dessen Song „Lovely Day“ haben die Fünf umgedichtet zu einem Spottlied auf den Hauptstadtflughafen BER, der mit neunjähriger Verspätung eröffnet wurde. Evers muss noch den Text lernen mit all den Destinationen, zu denen man derzeit nicht fliegen kann.

Bundestrainer Jogi gibt wieder eine seiner berüchtigten Pressekonferenzen. Der schwäbelnde Bov Bjerg in schwarzem Rolli verleiht Löw ein aufreizendes Phlegma und versteigt sich in lustige Monologe über Fußball-Sammelbildchen. Der Bundestrainer berichtet auch über ein neues Betätigungsfeld: Er macht jetzt Homeschooling mit dem Kind von Toni Kroos – Mathe im Zahlenbereich bis 20.

Liedermacher Manfred Maurenbrecher trägt neue Songs am Klavier vor. Diesmal schlägt er nachdenkliche Töne an, ohne ins Sentiment abzugleiten. Das verflossene Jahr sei ein „Grundkurs in Abschied“, ein „Test fürs Erinnern“, ein „Jahr mit verdammt wenig Trost“ gewesen. Sein Rat: Wenn’s denn endlich vorbei ist, lasst es los.

Nicht witzig: Proben unter Coronabedingungen

Die Stimmung ist gut. Man spürt, dass die fünf bestens aufeinander eingespielt sind. Die Show unter Corona-Bedingungen zu produzieren, sei aber nicht so spaßig gewesen. „Die Proben sind diesmal weniger verspielt und ausprobierfreudig gewesen, weil wir die ganze Zeit den Abstandgedanken im Hinterkopf hatten“, berichtet Bov Bjerg. Es sei eine gewisse Verkrampfung zu spüren gewesen.

Die Musikproben, die sonst so viel Spaß machen, waren nervig, weil wir die ganze Zeit Masken getragen haben“, erzählt Christoph Jungmann. Insgesamt werden auch weniger Lieder präsentiert als sonst. Und das Medley, bei dem sonst alle aus voller Kehle sangen, wird diesmal von weniger Interpreten dargeboten.

Hannes Heesch freut sich über neue Herausforderungen: „Das macht das Jahr interessant: dass ganz neue Figuren aufs Tableau gekommen sind wie Christian Drosten. Was mich als Parodisten und Politikwissenschaftler für ihn eingenommen hat: dass ich endlich mal eine Figur trainieren konnte – anhand der Podcasts beispielsweise – die auch klug ist.“

Ein ganz besonderer „Grundkurs in Abschied“

Alle erklären unisono, dass sie mit den staatlichen Corona-Verordnungen prinzipiell einverstanden sind – auch wenn im Einzelnen viel zu kritisieren sei. Sie wenden bei den Proben Schnelltests an – und Horst Evers schläft vorsichtshalber in seinem Arbeitszimmer.

Manfred Maurenbrecher überrascht seine Kollegen dann noch mit der Äußerung: „Ich hatte das Gefühl: Vielleicht ist dieses Corona-Jahr eine Wende, wo ich einen Schlussstrich ziehen sollte. Durch die Zusammenarbeit bei den Proben habe ich jetzt wieder das Gefühl: Es wird weitergehen.“

Ab 21. Dezember wird die 90-minütige Bilanz des Jahres 2020 im Netz frei verfügbar sein (der Link ist abrufbar unter www.rueckblick-berlin.de). Dann wird man auch erfahren, ob sich Drosten doch noch umstimmen lässt in der K-Frage.

Das Ensemble vertraut darauf, dass das Publikum im Netz einen virtuellen Eintritt bezahlt – in einer Höhe, die sich jeder einzelne leisten kann.

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