Auch schon vor der Pandemie reichte es für viele lediglich für Window-Shopping. Foto: dpa
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Julia Friedrichs „Working Class" Wenn harte Arbeit nicht mehr reicht

Die Autorin beobachtet eine Klasse, die in Deutschland keinen richtigen Namen hat. Dazu zählt sie eine Akademikerin, ebenso wie einen U-Bahnhof-Reiniger.

Karstadt ist eine traurige Angelegenheit geworden: außen hässlich, innen leer. Ehemals Epizentrum einer Mittelschicht, die wachsen sollte, heute Mittelpunkt der Desillusion. Filialen wurden geschlossen, Mitarbeiter entlassen, das Sortiment ist dürftig, jedenfalls verglichen mit Amazon.

Der Verfall der Warenhauskette steht für eine kleiner werdende Mittelschicht. Ein idealer Schauplatz für Julia Friedrichs. In ihrem neuen Buch „Working Class“ kehrt sie immer wieder zu der Karstadt-Filiale am Berliner Hermannplatz zurück. Dort versucht sie zu verstehen, wieso viele Menschen in Deutschland kaum von ihren Einkünften leben können.

Die Autorin mit westdeutscher 80er-Jahre-Kindheit schreibt eines dieser Sachbücher, wie sie in letzter Zeit häufig erscheinen. Sie erzählt aus der Ich-Perspektive, mit persönlichem Touch, angereichert mit Kommentaren und Anekdoten. Friedrichs beobachtet eine Klasse, die in Deutschland keinen richtigen Namen hat.

Es geht um die, die hart arbeiten und bei denen es trotzdem nicht reicht. Jene ohne Rücklagen, Erbe oder Kapitalrendite. Etwa ein Viertel der Menschen könnten nicht auf Anhieb anfallende Kosten in Höhe von 1000 Euro bezahlen. Es sind längst nicht mehr die klassischen Arbeiter. Wie unterschiedlich diese Gruppe ist, zeigt Friedrichs anhand ihrer Protagonisten.

Es irritiert erst mal , dass Friedrichs diese Protagonisten zusammenfasst

Da ist Sait, der U-Bahnhöfe für ein Subunternehmen der Berliner Verkehrsbetriebe reinigt. Alexandra, eine selbstständige Musiklehrerin mit Doktortitel, und Christian, der sein Fachabitur auf dem zweitem Bildungsweg absolviert hat, ein Studium draufsetzte und dann in der Konsumforschung arbeitete.

Dass Friedrichs diese Protagonisten zusammenfasst, irritiert erst mal. Alexandra ist ihrer Passion gefolgt, hat Musik studiert, dafür eine prekäre Künstlerinnenexistenz in Kauf genommen. Sait hatte nie die Möglichkeit, etwas zu tun, was ihm Spaß bringt, er ist ungelernt und auf einen Arbeitgeber angewiesen, dem er keine Ausbildung vorweisen muss. Im Laufe der Erzählung wird aber klar, dass nicht entscheidend ist, wie die Protagonisten zu ihrem Job kamen, sondern wie prekär ihre finanzielle Situation ist.

Die Autorin Julia Friedrichs. Foto: Andreas Hornoff Vergrößern
Die Autorin Julia Friedrichs. © Andreas Hornoff

Mit dem Beginn von Corona gerät Alexandras Leben aus den Fugen. Die Aufträge an den Musikschulen fallen weg, Entschädigungen gibt es nicht, sie jobbt als Seniorenassistentin. Christians Arbeitsplatz wird langsam abgebaut – in seinem Beisein. Erst werden ihm sämtliche Aufgabenbereiche im Homeoffice entzogen, dann folgt die Kurzarbeit, schließlich setzt er selber einen Aufhebungsvertrag durch. Für Sait wurde zwar kurz geklatscht, doch er erhält lediglich einen 20-Euro-Einkaufsgutschein.

Mit ungleicher Vermögensverteilung und prekären Arbeitsbedingungen beschäftigt sich die Autorin schon seit Langem. Sie hat die tollen ARD/WDR-Dokumentationen „Ungleichland“, „Neuland“ und „Heimatland“ mitgeschrieben. Auch „Working Class“ liest sich manchmal wie ein Drehbuch.

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Friedrichs zoomt raus, schaut von oben drauf, referiert Daten und Fakten, springt dann wieder zu persönlichen Geschichten hinter den Zahlen. Sie spricht auch mit denen, die vom Aufstiegsversprechen profitiert haben, den Boomern. Sie blicken auf steile Karrieren zurück, erhalten üppige Renten.

Friedrichs fragt Boomer nach Solidarzahlungen

Friedrichs fragt eine pensionierte Journalistin, die bei einem öffentlich-rechtlichen Rundfunksender fest angestellt war, ob sie zu einer Solidarzahlung in einen Zukunftsfonds bereit wäre. Die Journalistin würde auf 100 Euro Rente im Monat zu verzichten. „Grazie mille“, kommentiert Friedrichs. Sie fragt immer wieder nach Vermögenden, die freiwillig Abgaben leisten würden. Aber hat es Sinn, auf individuelle Großzügigkeit zu setzten?

Schließlich nimmt Friedrichs die Politik in den Blick, spricht mit Staatssekretär Wolfgang Schmidt, Olaf Scholzens „rechter Hand“. Das Gespräch ist leider wenig aufschlussreich. Schmidt gibt der Globalisierung die Schuld, die habe den Lohndruck in den Industriegesellschaften verstärkt. Alexandra, Christian und Sait hilft das wenig. Sait ist enttäuscht, Christian arbeitslos und Alexandra fast pleite. Mittlerweile dürfte es den Protagonisten sogar noch schlechter gehen: Der dritte Lockdown kommt im Buch gar nicht mehr vor.

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