Späte Ehrung: Freddie Dekker-Oversteegen (links) und Truus Menger-Oversteegen bekommen 2014 von Ministerpräsident Mark Rutte das Mobilisierungs-Kriegskreuz für Ihre Taten im Widerstand. Ihr Leben war Vorbild für Wilma Geldofs Roman "Reden ist Verrat. Nach der wahren Geschichte der Freddie Oversteegen. Foto: Ministerie van Defensie Foto:

Jugendbuch Mut und Skrupel

Wilma Geldof erzählt die Geschichte zweier Mädchen aus dem bewaffneten Widerstand der Niederlande.

Mit einem Schlag war alles anders. Am 10. Mai 1940 wurde das Leben der Schwestern Truus und Freddie Oversteegen in Haarlem auf den Kopf gestellt. Nazideutschland hatte die Niederlande überfallen und bis zur Befreiung am 5. Mai 1945 besetzt. Für die beiden war es schnell klar, dass sie ihre Mutter, eine überzeugte Kommunistin, im Widerstand unterstützen würden. Sie halfen bei der Verteilung von Flugblättern gegen die deutsche Besatzung und der Untergrundzeitung „De Waarheid“.

Doch für die 15 und 18 Jahre alten Schwestern wird es wirklich ernst, als im August 1941 Frans auftaucht. „Ich will eine Gruppe, die aktiv Widerstand leistet. Munitionszüge entgleisen lassen. Bahnschienen in die Luft sprengen. Waffen von den Deutschen oder von der Polizei stehlen. Abrechnen mit Verrätern“, erklärt Frans, Mitglied der verbotenen Kommunistischen Partei der Niederlande, CPN.

So beginnt Wilma Geldof ihren spannenden Roman „Reden ist Verrat. Nach der wahren Geschichte der Freddie Oversteegen“. Sie hat die echte Freddie Oversteegen getroffen und lange Gespräche mit ihr geführt. Truus und Freddie bekommen im Roman einen anderen Namen und heißen van der Molen.

[Wilma Geldof: Reden ist Verrat. Nach der wahren Geschichte der Freddie Oversteegen. Roman. Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer. Gerstenberg Verlag, Hildesheim. 346 Seiten. 18 €. Ab 14 Jahre.]

"Niemals so werden wie der Feind"

Warum will Frans als Funktionär der Partei zwei Jugendliche für den bewaffneten Kampf gewinnen? Sie sehen eben viel jünger aus als sie sind, vor allem Freddie mit ihren Zöpfen. Die Mädchen lassen sich angesichts der Gewalt der Besatzung, die sie täglich erleben, auf das Angebot ein. Traumatisch für die beiden ist die Verhaftung einer Jüdin und ihres Sohnes in der mütterlichen Wohnung. Sie werden ins Lager Westerbork deportiert.

Freddies Mutter ahnt, was Frans mit ihren Töchtern vorhat. Sie will es eigentlich gar nicht so genau wissen, aber sie mahnt: „Niemals so werden wie der Feind. Nicht die Hände schmutzig machen. Kein ,Befehl ist Befehl'. Immer noch selbst nachdenken“. „Keine Menschen töten. Und wenn sie noch so schlecht sind.“

Wilma Geldof ist ein berührender Roman gelungen. Foito: Gerstenberg Verlag Vergrößern
Wilma Geldof ist ein berührender Roman gelungen. © Foito: Gerstenberg Verlag

Schon bald zeigt sich, dass das einfach gesagt ist, denn Freddie soll nach einer Bewährungsprobe – sie half einen Stromverteiler in Brand zu setzen – in ihrer unschuldigen Erscheinung deutsche Soldaten in die Falle locken. Sie bezirzt wider Willen einen fünfzigjährigen Soldaten, lockt ihn in ein Waldstück, wo die Widerstandskämpfer ihm auflauern und ihn erstechen. Ihr wird übel.

Was geht in einem jungen Mädchen vor, das sich auf solche Taten einlässt? Truus und Freddie reflektieren ihre Aktionen. Mit Peter, dem Sohn des Einzelhändlers, in den Freddie unsterblich verliebt ist, schafft Geldof ein Korrektiv zu den Schwestern. Peter hilft im Laden des Vaters, in dem auch deutsche Soldaten kaufen. Peter findet das auch nicht gut, aber was soll der Vater machen?

Furcht vor Vergeltung

Er diskutiert mit Freddie, macht sich Sorgen um ihre Sicherheit. Ja, die Schurken zur Not töten, um Schlimmeres zu verhindern, mag erlaubt sein. Aber wenn dann die Deutschen zur Vergeltung unschuldige Zivilisten umbringen, darunter Peters Bruder Stijn – vor den Augen des Vaters? Was dann? Peter hat seinem Vater gesagt, was die Schwestern taten. Und der erzählte es einem Soldaten. Die Gruppe flog auf, mit tödlichen Folgen.

Und was ist von einem Widerstand zu halten, der in der Endphase des Krieges unter dem Kommando der inländischen Streitkräfte die Mädchen benutzt, um unter Lebensgefahr Zigarrenkisten als Bestechung für Kollaborateure zu liefern?

Der Roman setzt ein Denkmal für die jungen Widerstandskämpferinnen, zwei couragierte junge Frauen, die auch vor ihren Vorgesetzten keine Angst zeigten. Jeder mag sich fragen, was er in einer ähnlichen Situation getan hätte.

Freddie Oversteegen hat es sehr verletzt, dass ihre Taten lange nicht gewürdigt wurden. Im Kalten Krieg wurde sogar ein Attentat auf sie verübt. Erst Ministerpräsident Mark Rutte verlieh ihr 2014 das „Mobilisierungs-Kriegskreuz“. Gegen den Roman hatte sie sich lange gewehrt. Die Veröffentlichung hat sie nicht mehr erlebt, sie starb am 5. September 2018, einen Tag vor ihrem 93. Geburtstag.

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