Rastlos, suchend. Yusuf Celik, Eren Kavukoglu und rechts im Bild Theo Trebs in Erpulats und Tina Müllers Neufassung von "Jugend ohne Gott". Foto: Ute Langkafel/Maifoto
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"Jugend ohne Gott" im Gorki Theater Wer hört uns eigentlich zu?

Chronik einer Verrohung: Nurkan Erpulat vergegenwärtigt Ödon von Horváths „Jugend ohne Gott“ am Maxim Gorki Theater.

Was ist bloß mit diesen Kindern los? „Sie lesen nur, um spötteln zu können. Sie leben in einem Paradies der Dummheit, und ihr Ideal ist der Hohn.“ Das lässt nichts Gutes ahnen für die Zukunft. „Es kommen kalte Zeiten, das Zeitalter der Fische.“

In Ödon von Horváths Roman „Jugend ohne Gott“ wird die Geschichte einer Verrohung beschrieben. Ein Lehrer steht im Mittelpunkt, der sich seinen Humanismus zu erhalten versucht, während um ihn herum die Schüler von der aufziehenden Verachtungsideologie der Nazis infiziert werden. Einer, namens N, hat in seinem Aufsatz „Warum müssen wir Kolonien haben?“ geschrieben, dass die Schwarzen (man war zu Horváths Zeiten freilich noch beim N-Wort) sämtlich „hinterlistig, feig und faul“ seien. Und obgleich es den Pädagogen durchzuckt („Sinnlose Verallgemeinerung!“), lässt er den Satz doch stehen. Genauso hatte er ihn neulich im Radio gehört.

In „Jugend ohne Gott“, veröffentlicht 1937, ein Jahr vor Horváths Tod im Gewitter auf den Champs-Élysées, haben die Schüler keine Namen mehr, weil sie zur konformen Masse werden, willentlich. Was der Ich-Erzähler beobachtet, wie ein Besucher im Aquarium. „Da wird die Seele des Menschen unbeweglich wie das Antlitz eines Fisches.“

Der Clou, den sich Nurkan Erpulats Inszenierung der Horváth-Geschichte am Gorki Theater erlaubt, ist der Perspektivwechsel. Der Regisseur und die Autorin Tina Müller, die eine kluge, sensible Überschreibung und Vergegenwärtigung des Stoffes vorgenommen hat, begeben sich auf die andere Seite der Scheibe. Dem Lehrer (Denis Geyersbach) fällt dabei nicht mehr die Heldenrolle des Unbeugsamen zu, sondern die eines Stalkers, der seine Schützlinge mit der Kamera verfolgt. Was im Roman durchaus angelegt ist, schraubt er sich doch in eine Kriminalhandlung rund um die Ermordung des N. und das heimlich gelesene Tagebuch des Z.

Die nach hinten aufsteigende Bühne von Alissa Kolbusch nimmt dieses Peeping-Motiv auf und gleicht einer gewaltigen Jalousie mit offen gelassenem Sehschlitz. Darauf versammelt sich ein tolles, Ensemble, das überwiegend aus jungen Schauspielerinnen und Schauspielern am Karrierebeginn besteht, darunter auch einige Absolventinnen und Studierende der Ernst-Busch-Schule.

Die Handlung spielt in einer Art paramilitärischem Camp - in Sachsen

Yusuf Çelik(W), Felix Kammerer (Z), Eren Kavukoglu (T), Helena Simon (B), Theo Trebs (R), Lara Feith als Räuberbanden-Mädchen Eva und Tiffany Köberich als die beiden N breiten ihre je eigene Sicht auf das Paradies der Dummheit aus. Von der hervorragenden Choreografin Modjgan Hashemian, die schon mehrfach mit Nurkan Erpulat zusammenarbeitete, wurden sie in explosive, rastlos suchende Bewegung gebracht.

Verhörszenen, erste Liebesabenteuer, Wahrheitssuche im Mordfall und die große Frage nach Gerechtigkeit – all diese Horváth-Motive werden konzentriert gesampelt und neu verlinkt. Wie in der Vorlage spielt auch hier ein Großteil der Handlung in einem Zeltlager, das eigentlich ein paramilitärisches Camp ist. Im Gorki liegt es in Sachsen, und das stillgelegte Sägewerk ganz in der Nähe dient als Unterkunft für Geflüchtete. Übungen in Solidarität sind allerdings nicht Teil des Ausbildungsprogramms. „Sie pfeifen auf den Menschen! Sie wollen Maschinen sein, Schrauben, Räder, Kolben, Riemen – doch noch lieber wären sie Munition: Bomben, Schrapnells, Granaten!“, schreibt Horváth über die verführte Jugend. „Von mir wird erwartet, dass ich den Müll trenne. Von mir wird erwartet, dass ich mein Gemüse nicht in Plastik verpackt einkaufe. Von mir wird erwartet, das ich so aussehe wie Instagram-Models“, entgegnet das Gorki-Ensemble im Chor.

Richtig und falsch an die Tafel schreiben, das genügt eben nicht

Es ist leicht, den Kopf zu schütteln über die kalte Jugend. Es ist schwerer, ihr glaubhaft Werte zu vermitteln und vor allem: vorzuleben. Ihre Sehnsucht nach einem Selbsterlebnis zu verstehen, das auch radikal sein darf. Statt nur Vorträge zu halten. Der Lehrer, so wie er in Tina Müllers Fassung charakterisiert wird, ist ein typischer Linker, der das Shopping bei Primark basht und eine Stunde lang erzählt, wie böse die AfD sei. „Nur wieso, hat keiner verstanden.“ Richtig und falsch an die Tafel zu schreiben, das genügt eben nicht.

Es gibt diese berühmte Szene in Michael Moores „Bowling for Columbine“, in der Marilyn Manson interviewt wird, dessen Musik ja als vermeintliche Anstifterin für alles mögliche Teufelswerk herhalten muss. Was er zu den beiden Amokschützen gesagt hätte, wird Manson gefragt, falls es dazu gekommen wäre. Er antwortet: „Gar nichts. Ich hätte ihnen zugehört, denn das hat sonst niemand getan“.

Genau diesen Versuch unternimmt Erpulats großartige Inszenierung.

- wieder am 26. 4. um 19.30 Uhr

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