Tanzten nicht nur auf Tischen, sondern auch auf Pianos. Ein sogenannter Flapper, hier auf einem Bild aus dem Jahr 1927. Foto: mauritius images
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Judith Mackrells Buch über die "Flapper" Frühe Influencerinnen

Thomas Groß

Eine Art Riot Girlism avant la lettre: Judith Mackrell porträtiert mit ihrem Buch "Flapper" die Rebellinnen der zwanziger Jahre.

Ruhelos, gierig, selbstbezogen, oberflächlich, aber auch erregend, verführerisch und auf schillernde Weise modern – wie alles Neue stellte auch dieses Phänomen die Urteilskraft der Zeitgenossen vor Herausforderungen. Während die einen gar nicht genug davon kriegen konnten, sahen die anderen nach alter Väter Sitte den Untergang des Abendlands nahen.

Eins aber war auf der Stelle klar: Einfach ignorieren ließ es sich nicht.

Als Josephine Baker das erste Mal in ihrem Bananenröckchen auftrat, bescherte sie Zeitzeugen zufolge „ganz Paris einen Ständer“. Ähnlich skandalträchtig die Ehe von Zelda Fitzgerald, ein öffentlich aufgeführtes Drama um Selbstbestimmung, Seitensprünge und das Recht auf Rausch. Tamara de Lempicka wiederum portraitierte sich in ihren Bildern als Geschwindigkeitsgöttin, die den Begrenzungen von Materie und Zeit im giftgrünen Bugatti davonbrauste.

Heute würde man in solchen Fällen von Empowerment sprechen. In den Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts sprach man von Flappern. Woher der Begriff stammt, ist umstritten, wahrscheinlich leitet er sich vom Flattern eines Vögelchens beim Verlassen des Nests ab.

Hedonistisch, glamourös, gefährlich

In Judith Mackrells schlicht „Die Flapper“ betiteltem Buch (Rebellinnen der wilden Zwanziger. Aus dem Englischen von Susanne Hornfeck und Viola Siegemund. Insel Verlag 2022, 624 Seiten, 28 €.) bezeichnet er einen neuartigen Sozialtypus: Zu einer Zeit, in der die Männer in verdreckten Uniformen von den Schlachtfeldern des ersten Weltkriegs heimkehrten, begannen die Frauen, ihre viktorianischen Korsettagen abzulegen und in praktischen Etuikleidern die Boulevards und Nachtclubs zu erobern.

Eine Art Riot Girlism avant la lettre: Mit dem Flapper betrat erstmals eine explizit hedonistische, so glamourös wie gefährlich wirkende Form weiblicher Selbstdarstellung die Arena.

Mackrell, langjährige Theaterkritikerin für den „Guardian“, schildert den Aufbruch anhand mehrerer Protagonistinnen: neben Baker, Fitzgerald und de Lempicka bekommen auch Diana Cooper, Nancy Cunard und Tallulah Bankhead ihren Auftritt, erstere aus der Art geschlagene Töchter der britischen Aristokratie, letztere ein gefeierter Broadway-Star.

Jede dieser Frauen glänzte auf eigene Weise in einem Rollenfach, das sich eben erst geöffnet hatte: Cunard als dichtende Grenzgängerin zwischen den Geschlechtern, Josephine Baker als ebenso begehrte wie exotisierte Verkörperung einer „Venus aus Ebenholz“, Zelda Fitzgerald als ungekrönte Queen of Tabloids, die es fertigbrachte, sogar ihre Drogensucht gewinnbringend zu vermarkten – auch wenn sie anschließend wie ein Hund darunter litt.

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Künstlerinnen in einem traditionellen Sinn waren sie durchaus auch, sie schrieben, malten, schauspielerten. Ihr eigentliches Kunstwerk jedoch war ihr Leben, das sie in aller Öffentlichkeit führten. Den nach Glamour gierenden Ladenmädchen der zwanziger Jahre gefiel diese Frühform von Popkultur: keine Party ohne Zelda.

Derlei Anlässe dienten der Unterhaltung, der Vorführung neuester Moden, aber auch der Stoffakquise. Wer wessen Trinkgewohnheiten gnadenloser ausgemalt hat, sie oder ihr Ehemann Scott, Autor von „The Great Gatsby“, steht dahin. Beide unterhielten sie ein ausbeuterisches Verhältnis zu den Abendgesellschaften, an denen sie teilnahmen, über die sie schrieben, worüber wiederum die illustrierten Zeitungen am nächsten Tag berichteten.

Prominenz als Gesellschaftsspiel, von dem alle etwas haben – in den Roaring Twenties wurde es eingeübt. Es ist die Geschichte einer doppelgesichtigen Emanzipation, die Mackrell mit epischem Atem erzählt. Frauen waren mit einem Mal wesentlich sichtbarer als in den Jahrzehnten zuvor, dafür aber auch den Gesetzen eines Marktes unterworfen, der sie emportragen und genauso schnell wieder fallenlassen konnte. Tallulah Bankheads ikonisches Stummfilmgesicht etwa: In Farbe wirkte es mit einem mal starr.

Was damals die Zigarettenspitze war, ist heute das Prada-Täschchen

Oder Tamara de Lempickas todschicker Art-deco-Futurismus: gerade noch als dernier cri gefeiert, galt er schon wenig später als demodé. Warholscher 15-Minuten-Ruhm war das noch nicht, aber etwas auf dem Weg dahin. Keine der Flapper-Karrieren – Josephine Baker ausgenommen, die sich während des zweiten Weltkriegs der Résistance anschloss und danach zu einer Art Charity Lady mutierte – überstand den Börsencrash an der Schwelle zu den Dreißigern unbeschadet.

Ein paar Hintergründe werden auch mitgeliefert: Begeisterung und Vergesslichkeit eines zunehmend zerstreuten Publikums, ein Massenkonsum, der in immer kürzeren Abständen nach frischen Gesichtern verlangte, der Innovationszwang einer auf Lifestyle setzenden Medienindustrie.

Man könnte das Flappertum als Frühform des Influencerwesens begreifen: Ohne die richtigen Accessoires war man schon damals ein Nobody, was damals die Zigarettenspitze war, ist heute das Prada-Täschchen. Doch solche Parallelen zieht Mackrell nicht. Stattdessen begleitet sie ihre Heldinnen von Affäre zu Affäre, von Aufschwung zu Nervenzusammenbruch.

So süffig sich das anfangs wegliest, über die Distanz von 600 Seiten entsteht der Eindruck, im immergleichen Stück festzustecken.

Netflix bedankt sich

Generell fehlt der Gegenwartsbezug. Kein Kapitel zum Verhältnis von Ökonomie und Starkult, keine Randnotiz zur Bedeutung einer Prominenz, die noch privateste Regungen kapitalisiert, kein Nachdenken über die Frage, wie die von Jazz und anderen Strömungen avantgardistischer Kunst inspirierten career moves dieser Pionierinnen der Selbstermächtigung sich zu den zahlreichen It-Girls und Alphamädchen von heute verhalten.

Schade um die verschenkte Chance, doch das Anschmiegsame ist hier Formprinzip. Erzählerisch bieder versucht die Autorin, einem bis heute nachwirkenden Phänomen des 20. Jahrhunderts mit kulinarischen Methoden beizukommen.

Mackrells Flapper-Report ist ein Buch wie ein Kostümfilm, prachtvoll im Farbauftrag, aber ermüdend in der Darstellung. Der sozialhistorische Kontext bleibt unscharf, die Figurenzeichnung stammt aus dem Reich der Küchenpsychologie. Dafür wird man mit Details versorgt, die man gar nicht so genau wissen wollte: „Seine vollen, sinnlichen Lippen ließen erahnen, dass die Gerüchte um seine legendäre Libido nicht von ungefähr kamen…“

Für ein Standardwerk ist das zu wenig, als Grundlage für einen Netflix-Mehrteiler aber eignet das Ganze sich prächtig. Regievorgabe: Downton Abbey meets Sex And The City.

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