Gekauft wird nach Gehör. Johann König ist als Junge schwer sehbehindert. Heute betreibt er die erfolgreiche Galerie St. Agnes. Foto: Mike Wolff
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Johann König Schonen, wofür?

Johann König hat eine Biografie über sein Blindsein geschrieben – und wie man dennoch Kunst verkauft.

Was für ein Coup. Der blinde Galerist wird zum erfolgreichen Vermittler von Kunst. Haben wir es nicht gewusst?! Kunst kommt nicht von Können und schon gar nicht vom Sehen. Kunst ist Markt. Gekauft wird nach Gehör.

So einfach aber macht es Johann König den Lesern seines Buches „Blinder Galerist“ nicht (Johann König, Daniel Schreiber: „Blinder Galerist“, 165 S. Propyläen Verlag, 24 €). Es mag schräg sein, dass ein 37-Jähriger seine Memoiren schreibt – doch die 156 Seiten wollen gar kein ganzes Leben erzählen. Bloß einen Abschnitt daraus, der allerdings so einschneidend war, dass ihn die wenigsten ähnlich erleben. Als Zwölfjähriger experimentierte König in seinem Kinderzimmer mit Schwarzpulver. Die daraus resultierende Explosion riss ihm Hände und Gesicht auf. Vor allem aber machte sie den Jungen schwer sehbehindert.

Nach seiner ersten Schau brach König zusammen

König kennt man deshalb seit der Eröffnung seiner Berliner Galerie im Jahr 2002 nur mit dicker Brille. Wie wenig er dahinter bis zu jener Operation wahrnahm, die einen Teil der Sehkraft zurückbrachte, wussten nur wenige. Doch der Sohn des Kurators und Museumsdirektors Kasper König wollte es schon vor dem erfolgreichen Eingriff wissen und begann als Abiturient auszustellen – vorwiegend Konzeptkunst, die von der Idee lebt statt vom sinnlichen Eindruck.

Nach der Eröffnung seiner allerersten Schau mit Michaela Meise, so liest man, brach König zusammen und hat „nur geheult. Ich saß allein in der Galerie, kein einziger Besucher kam, um sich Michaelas Arbeiten anzuschauen“. Nun lässt sich einwenden, dass er als Spross der weithin bekannten „König-Dynastie“ im Kunstbusiness nie gescheitert wäre. Seine Familie hat ihn stets unterstützt und ist bestens vernetzt. Bloß die persönliche Niederlage lässt sich nicht auffangen – allein, weil sich niemand sonst die Einschränkungen einer fast gänzlichen Blindheit vorstellen kann.

Schonungslos und selbstkritisch

Sobald König darüber schreibt, berührt es einen tief. Er schont sich nicht, weder in den folgenden Jahren noch in dem Buch. Seine Revision fällt nüchtern und manchmal selbstkritisch aus, er nennt Galeristen, mit denen er sich zerstritten hat, ebenso beim Namen wie seine ehemalige Lebensgefährtin Kirsa, die Wichtiges für die Galerie geleistet hat – obwohl König „kein besonders guter Freund“ war. Messerscharf vollzieht er den Wandel auf dem Kunstmarkt nach, die Gier nach Glamour und Spektakel, ohne ihn zu reflektieren. Ist halt so, muss man bedienen.

Natürlich fällt es leichter, als jemand zu erzählen, der am Ende alles meisterte. König hat heute mit St. Agnes eine signature gallery, er arbeitet mit großartigen Künstlern zusammen. Dennoch würden viele wohl verschweigen, wie es ist, in ein Gleisbett zu fallen. Oder sich von der neuen Frau des Vaters, selbst Galeristin, zur Eröffnung der eigenen Räume sagen zu lassen, man habe „null Chancen“. Doch, das Buch lohnt.

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