Wertvolle Erinnerungen. Eine Innenansicht des Jeckes Museum. Foto: Esther Gardei
© Esther Gardei

Jeckes Museum muss schließen Zwischen zwei Welten

Esther Gardei

Deutsche Kultur in Israel: Das Jeckes Museum, einmalig in seiner Art, steht vor dem Aus. Er erzählt die Familiengeschichten emigrierter Juden.

Das einzige Museum, das an die Geschichte deutschsprachiger Einwanderer in Israel erinnert, wird gerade in hunderte Umzugskisten verpackt. Fast eine Million Dokumente wurden hier aufbewahrt.

Wer an diesen Kisten vorbeiläuft, der wird die schwere Geschichte des ersten Umzugs ihrer ehemaligen Besitzer nur erahnen: In den Kartons befinden sich persönlichen Gegenstände und Tausende Briefe und Fotos, die sie nach Palästina mitbrachten, als sie vor den Nationalsozialisten flohen.

Die Erinnerungen haben symbolischen Wert

Das Wenigste konnten sie mitnehmen. Das, was sie auswählten, waren ihre Erinnerungen an Deutschland, an die alte Heimat, an der viele festhielten, selbst als die Nationalsozialisten sie als Juden verfolgten und zu „Fremden“ erklärt hatten.

Ihre Erinnerungen haben unschätzbaren, symbolischen Wert. Sie manifestieren sich vor allem in Fotos, die das Jeckes Museum aufbewahrt, zum Beispiel zeigen sie sich in Bildern, die jüdische Soldaten zur Zeit des Ersten Weltkrieges machten.

Sie werden sichtbar an handgeschriebenen Rezepten für die Weihnachtszeit oder in der Anleitung zum Bleigießen für den Silvesterabend, christliche Feste zwar, die aber die jüdischen Familien in Deutschland auch feierten, weil sie Teil der Kultur waren. Selbst wer nichts mitnehmen konnte, der brachte doch etwas mit – auch daran erinnert das Museum.

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„Viele Jeckes konnten bis ins hohe Alter noch Rilke, Goethe und Schiller auswendig“, sagt Ruthi Ofek, die das Museum 30 Jahre lang geleitet hat. Mit den Jeckes kam das humanistische Bildungsideal nach Israel. Auch Bücher bewahrt das Museum auf. 80000 Besucher kamen jährlich, um sie zu lesen, sich an ihre alten Besitzer zu erinnern.

Das Museum wurde 1968 von Hans-Herbert Hammerstein gegründet, einem ehemaligen Berliner. Er wollte für unsere jetzige Zeit vorsorgen, in der die Besitzer und Zeitzeugen der Erinnerungen gestorben sind.

Kaum jemand, kann noch über eigene Erfahrungen berichten

Nur sehr wenige leben noch, die über die eigenen Erfahrungen berichten können. Ihre Erinnerungen und deren Orte werden wichtiger, weil Heutige kaum noch etwas damit verbinden und vergessen, dass die Geschichte etwas mit ihnen zu tun hat.

Im vergangenen Jahr hatte die Familie Wertheimer, die das Museum bislang unterstützt hatte, erklärt, man wolle sich nur noch um Geschäftliches kümmern. „Ich fragte mich: Was soll nur aus den vielen kostbaren Dingen werden?“, sagt Ruthi Ofek.

Briefe von Gerda Luft, einer Freundin von Hannah Arendt

Die Sammlung des Museums ist einerseits wertvoll, weil die Erinnerungen einen symbolischen Wert haben und die deutsch-jüdische Geschichte in Deutschland und Israel dokumentieren. Aber in den Kartons werden jetzt nicht nur Rosenthal-Porzellanvasen oder Häkeldeckchen verpackt, die vielleicht jeder Enkel noch heute bei seiner Großmutter in Deutschland findet und die zeigen können, wie ähnlich sich die jüdische Uroma und die nicht-jüdische Großmutter aus Deutschland waren.

In die Umzugskisten kommen jetzt auch einmalige Dokumente wie Briefe von Gerda Luft, einer unbekannteren Freundin von Hannah Arendt, seltene Quellen, die Wissenschaftlern neue Perspektiven bieten könnten. Es befinden sich in der Sammlung kostbare Bilder, Gemälde und Radierungen. „Diese Werke müssen gerettet und langfristig bewahrt werden“, sagt Ruthi Ofek.

In Palästina begegnete man Deutschen mit Vorurteilen

Die Objekte zeigen die Schwierigkeiten nach der Einwanderung und helfen die Identitätskonflikte zu verstehen, die mit den Problemen anderer Migranten zwischen Neuanfang und Abschied vergleichbar sind. Aber die Lage der Jeckes war trotzdem ganz besonders.

In Palästina begegnete man den deutschen Einwanderern mit Vorurteilen, unter anderem deshalb, weil sie Deutsch als die Sprache der NS-Täter mitbrachten. „Allein der Begriff Jecke bezeugt diese Konflikte: Osteuropäische Juden hatten ihn schon vor der NS-Zeit eingeführt und übernahmen ihn in Palästina, um die deutschen Juden als überheblich und arrogant zu beleidigen“, sagt Ofek.

Der Spitzname leitet sich von Jacketts ab

Der Spitzname Jecke kam ursprünglich wohl daher, dass sie keine Kaftane, sondern Jacketts trugen und sich – so sagt man – weigerten, diese sogar bei größter Hitze abzulegen. Inzwischen ist der Begriff positiv konnotiert. Er steht für ihre geschätzten preußischen Tugenden wie Höflichkeit, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, und der Beitrag der Jeckes zur Gesellschaft und Geschichte Israels, zur israelischen Kultur und Medienlandschaft wird allgemein gewürdigt. „Leider kennt oder schätzt man ihre Geschichte in Deutschland zu wenig“, sagt Stefan Ihrig, Historiker und Leiter des Center for European Studies an der Uni Haifa.

Ihrig hat sich der Sammlung angenommen und dafür gesorgt, dass Museum und Archiv umziehen können. Die Erinnerungen der Jeckes sollen in das Hecht Museum der Universität Haifa integriert werden und mit akademischen Leben gefüllt werden.

Eine gesicherte Finanzierung fehlt

Trotzdem könnte das Vorhaben in letzter Minute scheitern. Die Universität kann die Sammlung nur übernehmen und zu neuem Leben bringen, wenn die Finanzierung für zehn Jahre gesichert ist. Die finanziellen Hilfen dafür sollten aus Deutschland kommen, findet offenbar auch Außenminister Heiko Maas, der sich für das Projekt einsetzt.

Die einmaligen Umzugskosten wird das Auswärtige Amt zwar übernehmen und die Stelle eines Archivars wird der DAAD finanzieren. Außerdem sind in Israel Spendengelder gesammelt worden. „Aber die derzeitigen Gelder genügen noch nicht“, sagt Ihrig. Dabei geht es gar nicht um exorbitante Summen. 250 000 Euro werden pro Jahr nach aktuellem Stand benötigt, um das Museum langfristig zu bewahren. Esther Gardei

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