Lisa Bassenge, geboren 1974 in Berlin. Foto: Dovile Sermokas
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Jazz-Sängerin Lisa Bassenge Die Liebe wird bleiben

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Lieblingslieder: Die Berliner Sängerin Lisa Bassenge hat auf ihrem Album „Borrowed And Blue“ Klassiker des Jazz und Pop neu interpretiert.

Die allerschönsten, allertraurigsten Liebeslieder handeln vom Abschiednehmen. Trennungen schmerzen, aber warum sollte man dabei nicht trotzdem auch ein wenig fröhlich sein? „Keep Me in Your Heart for a While“ heißt solch ein bittersüßer Abschiedssong, den Lisa Bassenge auf ihrem Album „Borrowed And Blue“ mit federnder Stimme und viel Sha-La-La singt. Er stammt vom amerikanischen Schwermuts-Spezialisten Warren Zevon, doch die Berliner Sängerin verwandelt seine Countryballade in ein strahlendes, mitunter fast übermütiges Jazzchanson. Der Abschied, den sie, begleitet von girlandenartigen Klavierakkorden und einem minimalistischen Bass, beschwört, ist ultimativ: der Tod. Aber warum deshalb traurig sein? Die Liebe wird bleiben, sie ist der Trost.

„Borrowed And Blue“ verweist darauf, dass Bassenge die zehn Titel ihres neunten Studioalbums allesamt ausgeliehen hat. Es sind Popsongs und Jazzstandards, Klassiker, Hits und Nicht-Hits, geschrieben unter anderem von John Lennon und Paul McCartney, Bill Withers, Townes Van Zandt oder George Gershwin. Die Kunst des Coverns liegt darin, solche Lieblingslieder nicht bloß zu reproduzieren, sondern sie sich tatsächlich anzueignen.

Dass Lisa Bassenge, die schon lange zu den besten deutschen Jazzsängerinnen gehört, diese Kunst beherrscht, hat sie bereits auf früheren Platten bewiesen, als sie Hildegard Knefs Berlin-Hymne „In dieser Stadt“, den Diskothekenknaller „There Must Be An Angel (Playing With My Heart)“ von den Eurythmics oder Rio Reisers Herzschmerzballade „Junimond“ sang. Mit ihrem letzten Album „Canyon Songs“, das sie in Los Angeles aufnahm, huldigte Bassenge 2015 kalifornischen Pop-Göttern wie Joni Mitchell, den Doors, den Turtles und den Beach Boys. Es mischte eigene Kompositionen und oft stark überarbeitetes fremdes Material und klang ziemlich elektronisch.

Kleinstmögliche Besetzung: Gesang, Piano, Bass

„Borrowed And Blue“ ist nun wieder eine Jazzplatte geworden, eingespielt in vier Stunden und in kleinstmöglicher Besetzung: Gesang, Piano und Bass. Der Titel hat einen doppelten Boden. Denn die Alliteration von „borrowed“ und „blue“, „geborgt“ und „blau“ (beziehungsweise: traurig), findet sich auch in dem amerikanischen Hochzeits-Aufzählreim, der mit „Something old, something new“ beginnt. Ihren Lebensgefährten, den Bassisten Andreas Lang, hat Lisa Bassenge vor einem Jahr geheiratet. Das Klavier spielt der schwedische Musiker Jacob Karlzon, ein Hardbop- und Heavy-Metal-Fan, der auch schon mit Billy Cobham und Nils Langgren gearbeitet hat.

Alle Lieder, die sie auf „Borrowed And Blue“ interpretiert, hätten „einen Platz in unseren Herzen“, schreibt Bassenge in den Liner Notes. Schon bei ihren ersten gemeinsamen Autofahrten hatten Bassenge und Lang immer wieder „Three Cigarettes in an Ashtray“ von der Country-Sirene Patsy Cline gehört, ein Lied über eine Affäre, die so schnell verdampft wie ein paar hastig weggerauchte Zigaretten. In ihrer Version wird daraus eine zwischen Euphorie und Ironie changierende Moritat mit schlingerndem Honkytonk-Piano.

Paul Simons Drei-Minuten-Selbstporträt „Still Crazy After All These Years“ spielten Bassenge und Lang bereits auf ihrem ersten Konzert. Es geht um eine alte Liebe und um die Erkenntnis, dass man an seiner Verschrobenheit festhalten muss, um zu sich selbst zu finden. Bassenge singt das ein wenig seufzend, in langen Bögen und mit gehauchtem Timbre. Sehnsucht und Tod, das sind die Themen, von denen Country und Blues seit jeher erzählen. „I love you, baby / But you gotta understand / When the lord made me / He made a ramblin’ man“, heißt es in „Ramblin’ Man“, dem Song, mit dem das Album endet. Hank Williams hat ihn 1951 geschrieben, zwei Jahre bevor er im Alkohol- und Tablettenrausch auf der Rückbank seines Cadillacs starb. Aus dem Klavier rollen Boogie- Woogie-Phrasen, der Bass schnarrt. Lisa Bassenge treibt ihre Kopfstimme in immer höhere Lagen. Es ist zum Heulen.

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„Borrowed And Blue“ von Lisa Bassenge ist bei Herzog Records erschienen.

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