Szene aus "37 Seconds" Foto: knockonwood / Berlinale
© knockonwood / Berlinale

Japanische Filme auf der Berlinale Ein Meer namens Tokio

Jonas Lages

Mehr Mitgefühl im Alltag: Zwei sehr verschiedene japanische Filme im Panorama und im Forum porträtieren Mittzwanziger auf Selbstsuche.

Sachiko beißt gerade in ihre postkoitale Tomate, als der Mitbewohner ihrer Liebschaft die Wohnungstür öffnet. Shizuo war vorhin noch so nett, und machte kehrt, als er hörte, wie Sachiko und Boku im Gange waren. Nun also gehen sie zu dritt in den Supermarkt und kaufen Whisky, Cracker und Klopapier. Als Sachiko nachts nach Hause fährt, trägt sie schon das T-Shirt von Shizuo. Das Dreieck, das diesen Film bestimmt, ist gespannt.

Einen schwerelosen Sommer lang folgt „And Your Bird Can Sing“ diesen drei Mittzwanzigern bei der Flucht vor sich selbst. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Yasushi Sato, dessen Protagonist namenlos ist und hier deshalb Boku heißt (eine männliche Form von „Ich“). Nun, man muss sich als Zuschauer schon sehr bemühen, wenn man mit diesen Figuren mitempfinden möchte, denn genauso gleichgültig, wie sie durch ihr Leben mäandern, verhält sich auch Sho Miyakes Film ihnen gegenüber. Miyake will die Ziellosigkeit der Jugend filmen, die Spontanität, das Leben im Hier und Jetzt. Er will ganz natürlich und nebenbei den Leben seiner Figuren in Momentaufnahmen folgen und sie in ihrer Alltäglichkeit einfangen. Doch meist entwischen sie ihm. Um die menschliche Dimension des Alltäglichen filmisch zu erhaschen, genügt es eben nicht, Schauspieler einkaufen zu schicken und die Kamera draufzuhalten.

37 Sekunden hat Yuma nicht geatmet

Einen ganz andern Zugang zum Jungsein und zur Selbstsuche wählt dagegen Mitsuyo Miyazaki, die sich den Namen Hikari gegeben hat: Licht. Ihr Spielfilmdebüt „37 Seconds“ ist ein Zeugnis erzählerischer Empathie. 37 Sekunden: So lange hat Yuma nach ihrer Geburt nicht geatmet. Heute, mit 23, bewegt sie sich im Rollstuhl durch den Alltag. Sie wohnt bei ihrer überfürsorglichen Mutter, die sie vor der Welt beschützen will, und zeichnet professionell Mangas für eine Bloggerin, die dafür den Ruhm erhält. Eines Tages findet Yuma im Park einen Stapel erotische Mangas. Sie beginnt selbst, solche Comics zu zeichnen. Doch der Verlag lehnt mit der Begründung ab, man merke, dass sie noch nie Sex gehabt hätte. Und damit beginnt Yumas ganz spezielle Recherchereise, bei der sie auf Menschen trifft, die kein großes Aufheben darum machen, dass sie im Rollstuhl sitzt. Menschen wie Mei, die in ihrer Freizeit gemeinsam mit Yuma shoppen und trinken geht.

Zart und einfühlsam erzählt Hikari von Yumas Rebellion, ihrem Weg zur Selbstbestimmung. Mal ist die Kamera ganz nah an der Protagonistin, die Umgebung verschwimmt. Dann wieder erhebt sie sich mit Tilt-Shift-Objektiv über dem Häusermeer von Tokio und beäugt es wie einen unbekannten Planeten. „37 Seconds“: ein universelles Plädoyer für mehr Mitgefühl im Alltag. Und nirgends lässt sich das so gut üben wie im Kino. Vorausgesetzt, man sieht den richtigen Film.

„37 Seconds“: 14.2, 22.45 Uhr (Cinestar 3), 17.2., 14 Uhr (Cubix 9); „And Your Bird Can Sing“: 16.2, 19.30 Uhr (Colosseum 1)

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