Der überzeugte Europäer Luigi Reitani, hier in seinem Arbeitszimmer, wird Berlin auch über seine vierjährige Amtszeit hinaus erhalten bleiben. Foto: Thilo Rückeis
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Italiens Kulturbotschafter Luigi Reitani Berlin erinnert an Neapel

Er bringt Hölderlin nach Italien und Italien nach Deutschland: Vier Jahre leitete Luigi Reitani, das italienische Kulturinstitut in Berlin.

Er ist ein besonderer Fall. Autor, Impresario, Literaturwissenschaftler, Kulturmanager, alles in einem. Vor allem aber ein großer italienischer oder, genauer gesagt: europäischer Gelehrter.

Kürzlich erst hat Luigi Reitani mit dem zweiten Band, der die Prosa, das „Empedokles“-Drama und die Briefe enthält, seine fast 4000 Dünndruckseiten umfassende italienische Gesamtausgabe der Werke von Friedrich Hölderlin im Mailänder Mondadori Verlag abgeschlossen. Er ist der Herausgeber, hat neben anderen Übersetzern selber vor allem im ersten Band sämtliche Gedichte übertragen und ist auch Verfasser der vielen Hundert Seiten kritischer Kommentare, philologischer Interpretationen und detektivischer Erläuterungen zur komplizierten Genese von Hölderlins Texten und ihren schier unendlichen poetischen wie biografischen Geheimnissen und Rätseln. Kein anderer Dichter der Weltliteratur leuchtet ja mit so viel strahlender Dunkelheit. Und Reitanis Hölderlin, der es in den italienischen Zeitungen jüngst mit hymnischen Rezensionen bis auf die Titelseiten geschafft hat, gleicht einem Wunder. Er hat mit der italienischen, teilweise zweisprachigen Edition sogar ambitionierte deutsche Ausgaben an Findigkeit, Genauigkeit und darstellerischer Raffinesse übertroffen.

Das zweite Wunder: Reitani hat dies geschafft, obwohl er seit September 2015 im Hauptberuf als Direktor des Italienischen Kulturinstituts in Berlin amtiert. Wo er vier Jahre lang das denkbar vielfältigste und qualitativ dichteste Programm aller ausländischen Institute oder Botschaften gemacht hat.

Reitani bereicherte das Kulturleben der Hauptstadt

Neben jüngsten Auftritten des Triestiner Historikers und Schriftstellers Claudio Magris vor ein paar Tagen als Beitrag zum Internationalen Literaturfestival in Berlin, neben Abenden im Juni mit dem illustren Philosophen Giorgio Agamben oder letztes Jahr einer ganzen Woche (samt Ausstellung) mit dem Großkünstler Michelangelo Pistoletto sorgte Reitani vier Jahre lang für eine nicht abreißende Folge animierender Diskussionen, Lesungen, Filmreihen, Konzerte und war selber als Moderator immer präsent.

Diesen Arbeitsmarathon und Fleiß merkt man dem eher leise, entspannt und mit seinem melodiös weichen, mediterranen Klang in der Stimme perfekt deutsch parlierenden Sechzigjährigen erstaunlicherweise kaum an. Luigi Reitani verkörpert eine seltene Mischung aus Intellektualität und praktischer Herzlichkeit, aus tieferem Ernst und höherer Heiterkeit.

Noch wenige Tage, bis zum kommenden Freitag, ist er Direktor des Kulturinstituts: im Seitenflügel der zwischen 1938 und ’43 erbauten Botschaft im Neo-Renaissance-Stil, die von außen pompös-auftrumpfender wirkt, als sie es drinnen ist. Ab dann kehrt Reitani als ordentlicher Professor für Neuere deutsche Literatur zurück an die Universität Udine. Doch wird er künftig pendeln zwischen Norditalien und Berlin-Charlottenburg, wo er mit seiner Familie den Hauptwohnsitz behält. Zwar stammt er ebenso wie seine Frau Antonella, eine promovierte Grundschullehrerin, aus dem südlichen Apulien. „Aber auch Berlin hat seine südlichen Seiten“, sagt Reitani, „wir fühlen uns hier als Italiener inzwischen zu Hause.“ Auch die beiden gut zwanzigjährigen Töchter bevorzugen Berlin.

Doktorarbeit über Schnitzler und Freud

Hölderlin hat es im Winter 1801 vom Schwäbischen zu Fuß und für rätselhaft kurze Zeit nur bis Bordeaux geschafft, einzig in seinen Werken hat es ihn weiter in den Süden gezogen. Als imaginärer Wanderer nach Griechenland („Hyperion“) oder als selbstmörderischer Philosoph Empedokles bis an den Krater des Ätna. Den Apulier Reitani trieb es dagegen nach Norden. Er sagt in seinem Charlottenburger Arbeitszimmer, dessen Bücherwand wohl alle wesentlichen europäischen Hölderlin-Ausgaben birgt: „Mich hat das Fremde gelockt. In der Schule habe ich nichts über Deutschland oder Österreich erfahren. Aber ich wollte meinen vertrauten Kulturhorizont erweitern, ich brauchte eine gewisse Distanz zu Apulien, zur Familie, zu Italien, um mich selbst besser zu verstehen. Erst die Konfrontation mit dem Fremden lässt uns das Eigene als etwas nicht völlig Selbstverständliches genauer kennenlernen.“ Wer also lebenslang nur bei seinen Wurzeln bleibt, wächst schwerlich in die Höhe.

Nach dem Studium an der Universität Bari und Stationen in Triest und Udine gerät Reitani seit seiner Doktorarbeit über Arthur Schnitzlers Wien und Sigmund Freuds Psychoanalyse („Die ,Traumnovelle‘ von Schnitzler habe ich lange vor Stanley Kubricks ,Eyes wide shut‘ als Schlüsselwerk betrachtet“) immer wieder nach Österreich. In Wien hat er sechs Jahre als Forscher, Sprachlehrer sowie als Kulturjournalist für das Radio und die Zeitung „la Repubblica“ gearbeitet; dazu Studienaufenthalte oder Lehraufträge in Oxford, wo er einen unbekannten Brief Schnitzlers an Freud entdeckte, in Basel oder München – und in Berlin. Früher als Stipendiat, zuletzt als Institutsdirektor.

Die Rechts-Regierung interessierte seine Nachfolge nicht

Dass seine Amtszeit vom Außenministerium in Rom auf vier Jahre begrenzt ist, liegt am italienischen Gesetz. An der italienischen Politik der gerade abgelösten Regierung aus Fünf-Sterne-Bewegung und Lega lag es dagegen, dass Kultur zwischenzeitlich so mit links oder rechts abgetan wurde. Weshalb man sich um die Regelung der Nachfolge Reitanis in Rom zunächst nicht gekümmert hatte. Inzwischen hat wohl eine eilig berufene Kommission entschieden, aber selbst Reitani kennt noch nicht das Ergebnis. Indes betont Italiens kulturell interessierter Botschafter Luigi Mattiolo, der gerade auch den Besuch von Bundespräsident Steinmeier in Rom und Neapel begleitet hat, im Gespräch, dass Berlin zur Selbstdarstellung der eigenen Kulturnation wie nur wenige andere Orte „absolute Priorität besitzt“.

Manche Auguren meinen gar, Reitani könnte durchaus einmal italienischer Kulturminister werden. „Nein, da hat noch niemand aus Rom angefragt“ , wehrt er lachend ab in seinem Zuhause in einer Ku’damm-Seitenstraße nahe der Schaubühne: „Ich bin doch kein Politiker!“, sagt er, obwohl er schon mal fünf Jahre, bis 2013, als parteiloser Experte auch Kulturdezernent der kleinen Großstadt Udine in der Region Friaul war. Typisch Reitani: Seine Uniprofessur hat er gleichzeitig ausgeübt. Hat Vorlesungen und Vorträge gehalten, hat übersetzt. Nicht nur Hölderlin, den er „einen Polarstern“ nennt, auch für die herausragenden Lyriker der modernen Literatur: Giuseppe Ungaretti, Eugenio Montale oder Andrea Zanzotto.

Übersetzer von Bachmann, Bernhard und Jelinek

Brückenbauer zwischen den Kulturen ist der Apulier in Berlin über die Zeiten hinweg. Reitani hat Schiller ins Italienische übersetzt und ebenso Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard, Uwe Johnson oder Elfriede Jelinek. Es bedarf des wechselnden Blicks. Für die Kultur wie für die Politik, ob in Deutschland oder Italien: „Bei der Dominanz des Tagesaktuellen fehlen sowohl Zukunftsvisionen wie die Kenntnis der Vergangenheit. Das eine bedingt das andere. Wir brauchen jetzt eine Archäologie der Zukunft. Auch die Kulturszene ist oft zu verengt aufs Heute. Darin versiegen dann Fantasie und Hoffnung.“

Schon als innovativer Kulturdezernent in Udine war Reitani eine Zielscheibe der rechten Lega Nord, wie sie vormals separatistisch hieß. Inzwischen ist die Lega pur nationalistisch, doch der Sommer der Verzweiflung unter dem damaligen Innenminister Salvini ist dem Herbst der neuen Hoffnung gewichen. „Allerdings hatte die Regierung in Rom mir zu keiner Zeit in das Programm des Kulturinstituts hineingeredet.“ Versuche gab es wohl früher, zu Berlusconis Zeiten, weshalb einer der prominenten Vorgänger Reitanis, der Turiner Philosoph Ugo Perone, 2003 von Rom geschasst wurde. Reitani bekräftigt: „Meine Aufgabe war, die italienische Kultur zu fördern, nicht die Regierung. Italienische Kultur ist weder Salvini noch Matteo Renzi (Anm.: der frühere sozialdemokratische Ministerpräsident), sie bedeutet Dante und Leopardi, Umberto Eco und Elena Ferrante.“

Und was bedeutet Berlin? Reitani lächelt, ja grinst beinahe spitzbübisch: „Eine seltsame Mischung aus Weltstadt und provinziellem Kiez. Wunderbar ist dabei die unerschöpfliche Neugier des Publikums. Die Berliner kommen in unsere Veranstaltungen, obwohl es jeden Abend von der Hochkultur bis zur Popkultur tausend konkurrierende Events gibt. Man kann über Berlin vieles sagen, nur nicht, dass die Berliner desinteressiert seien.“ Und wenn etwas nicht klappt? „Das erfüllt uns Italiener mit einer leisen Schadenfreude und der Erleichterung: Die angeblich so perfekten Deutschen sind auch nur Menschen! Wobei Berlin heute in manchem schon an Neapel erinnert.“

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