Harry G. Frankfurts "Bullshit" lässt grüßen

Bühnenprofis. Der Wahlberliner Caragiale (rechts) besucht Alexandru Davila, den Direktor des Bukarester Nationaltheaters (1909). Foto: R/D
Ion Luca Caragiale Schwätzer, Trolle, Wortverdreher

Man kann darin eine Vorform dessen sehen, was der Philosoph Harry G. Frankfurt in einem legendären Essay als „Bullshit“ untersuchte. „Moft“, das Wort, das Eva Ruth Wemme mit Humbug übersetzt und um die schöne Ableitung des Humbürgers ergänzt hat, steht im Rumänischen wahlweise für schlichten Unsinn, das Hirngespinst, die Laune oder die Grille – in der Summe aber für jenen Mischmasch aus Geschwätz, heißer Luft, Phrasendrescherei und Hochstapelei, den der Philosoph Max Black 1982 in dem Aufsatz „The Prevalence of Humbug“ als „insbesondere durch hochtrabendes Gehabe in Wort und Tat irreführende und verfälschende, an Lüge grenzende Darstellung eigener Gedanken, Gefühle oder Einstellungen“ definierte. Harry G. Frankfurt folgerte daraus, dass Bullshit ein größerer Feind der Wahrheit sei als die Lüge. Denn Lügner könne man widerlegen, Bullshitter müsse man anders an die Wand nageln. Darin liegt ein Teil von Caragiales schlagender Modernität.

Auftritt ein Neugieriger: „Was schreiben die Zeitungen, Opa?“ Klare Antwort: „Humbug!“ Erkundigung bei einem Abgeordneten: „Was wurde heute im Abgeordnetenhaus geredet?“ Dito: „Humbug!“ Sorgt sich ein Patient: „Herr Doktor, ich sterbe!“ Arzt gelassen: „Humbug!“ Mucks eines politischen Einwands: „Aber die Herren X… Y… Z… haben keinerlei Verdienste, keine Kapazitäten, kein Talent, um an die Spitze einer Institution gestellt zu werden, die … und schlussendlich, was die Ehrlichkeit angeht … naja!“ Abgeschmettert: „Humbug!“

Nachrichten aus einer Zeit, in der die Morgen-, Abend- und Extrablätter eine Beschleunigung des Informationsflusses erzeugten, die sich nur mit dem hysterischen Nebeneinander der Meinungen in den sozialen Medien vergleichen lässt. Caragiale wirft auch einen sprachkritischen Blick auf die journalistischen Purzelbäume die sich in dem vollziehen, was heute Fake News heißt. In „Thema und Variationen“ äfft er quer durch das Parteienspektrum die politische Instrumentalisierung einer Feuersbrunst nach, die es vielleicht gar nicht gegeben hat.

Ein Konservativer mit anarchistischem Zungenschlag

Wo ein Erzähler sichtbar wird, zieht er sich am liebsten den Boden unter den Füßen weg. In seinem ironischen Gestus ist das prä-postmodern oder auch metafiktional. Wenn man zu Ostblockzeiten deshalb einen linken Moralisten, ja einen Klassenkämpfer aus ihm machen wollte, war das verlorene Liebesmüh. Im Grunde seines Wesens war er ein skeptischer Konservativer mit anarchistischem Zungenschlag. Mit weltanschaulichen Zuordnungen kommt man Caragiale aber grundsätzlich nicht bei. Seine Texte leben von einem so hellwachen wie fatalistischen Spott über eine ziemlich gleichmäßig verteilte Dummheit.

Aus der virtuosen Nachbildung und Konstruktion eines Aneinandervorbeiredens auf allen Ebenen begründete er mit seinem Dialog „Große Hitze“ ein absurdes Theater, das sein Bewunderer Eugène Ionesco mit Stücken wie „Die kahle Sängerin“ oder „Die Stühle“ zu einem Begriff machte. Auch der frühe Beckett scheint darin auf.

„Humbug und Variationen“ legt vom polyphonen Reichtum des komischen, aber beileibe nicht immer lustigen Caragiale-Universums auf über 400 Seiten fast zu beredt Zeugnis ab. Denn es gibt Werkteile, die mit dieser Ausgabe nicht einmal berührt werden, darunter die Novellen, allen voran „Kir Ianulea“. Ein Märchen, das von einem Hilfsteufel erzählt, der sich auf Befehl des Höllenfürsten als Sterblicher nach Bukarest begibt, um alles über die Verwerflichkeit des weiblichen Geschlechts herauszufinden.

Das größte Pfund des Teufels auf Erden ist allerdings die schwarze Zunft. „Eine große Erfindung“, 1893 im „Moftul român“ erschienen, erzählt vom erfolgreichen Versuch des Bösen, Gott die Menschheit abzuhandeln, indem er sich einen Herrn von Gutenberg vorknöpft, ihm den Buchdruck aufschwatzt und die Rotationsmaschine erfindet. Schließlich steht er mit einem Güterzug voller Bibeln, philosophischer Schmöker, alter und neuer Zeitschriften vor der Himmelstür und will den Beweis für die Nichtsnutzigkeit der Krone der Schöpfung antreten. Gott, Petrus und die Apostel können nicht anders, als ihm recht zu geben. Nur sein Papier soll er um Himmels willen wieder mitnehmen: „Und auf diese Weise brachte er den Menschen bei, Nationalbibliotheken und Akademien zu gründen, auf dass nicht etwa die Zeit ihre Weisheit zunichte machte!“ Ob Caragiale hoffte, den Teufel wider alles Erwarten durch den Beelzebub auszutreiben?

Ion Luca Caragiale: Humbug und Variationen. Aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme. Nachworte von der Übersetzerin und Dana Grigorcea. Guggolz Verlag, Berlin 2018. 432 Seiten, 24 €.

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