Berno Odo Polzer ist Kurator, Dramaturg und Forscher in den Bereichen zeitgenössische Musik, Klangkunst und Performance. Foto: Christoph Neumann
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Interview mit „Maerzmusik“-Leiter Gemeinsam denken und Musik erleben

Christopher Warmuth

Sich aus dem Alltag ausklinken: Berno Odo Polzer, Leiter des „Maerzmusik“-Festivals, über unsere Zeitbegriffe und 30-Stunden-Konzerte.

Herr Polzer, am Freitag startet die „Maerzmusik“, ein „Festival für Zeitfragen“. Sind die Konzerte dabei nur das Alibi-Rahmenprogramm?

Es gibt diesmal mehr Musik und Klang denn je. Wir zeigen Uraufführungen von Georges Aperghis und Terre Thaemlitz, präsentieren die noch unbekannte Komponistin Ashley Fure in Berlin. Das Festival ist getragen von musikalisch-sinnlichen Erfahrungen. Dass wir zusätzlich Raum für gemeinsames Nachdenken eröffnen, schwächt das musikalische Programm nicht. Ich will von zwei Dingen weg. Erstens von der Fetischisierung von Intellektualität und zweitens von der Ablehnung dieses Fetisches.

Wohin geht es dann?

Hin zu einer vielseitigen Erfahrung. Wir versuchen, zwei Arten von Räumen entstehen zu lassen, die miteinander korrespondieren. Im Erfahrungsraum schaffen wir die Möglichkeit, Musik und Kunst zu erleben, also nicht zuletzt sich selbst zuzuhören. Und im Reflexionsraum kann man diese Erfahrungen teilen.

Wie bei „Thinking Together“?

Diese Reihe ist ein Diskurs-Format, das nicht-akademisch angelegt ist, nicht frontal, nicht belehrend. Es geht um die Möglichkeit gemeinsamen Nachdenkens mit internationalen Gästen, die leiten und inspirieren. Gemeinsam denken kann eine sehr berührende Erfahrung sein.

Diesmal wird über „Time Wars“ nachgedacht. Ihre Hypothese ist, dass ein Krieg zwischen den Zeitlichkeiten herrscht.

Zeit ist kein natürliches Phänomen, sondern ein kulturelles Konstrukt, das unter dem Einfluss zahlreicher Kräfte ständig neu verhandelt wird und einen enormen Einfluss darauf hat, wie wir leben, produzieren und arbeiten. Mit diesem politischen Aspekt von Zeit – mit Zeitregimen – beschäftigt sich das Festival.

Ein Beispiel, bitte!

Zeit kann unterschiedlich auf uns wirken. Wenn wir die kapitalistische Produktionsweise ansehen, dann ist Zeit Geld. Noch rasanter ist es in digitalen Zeitregimen. Der digitale Kosmos handelt mit einem Zeitbegriff, der allein auf der Rechenleistung von Computern basiert. Und dieser Zeitbegriff ist so beschleunigt, dass er sehr wenig mit dem menschlichen Gespür von Zeit zu tun hat. Auf der anderen Seite begegnen wir der langsamen Gewalt der Umweltzerstörung, zeitlich so ausgedehnt, dass wir sie kaum vergegenwärtigen können. Wir leben in einem permanenten Ausnahmezustand.

Das klingt furchtbar...

Das ist die Realität. Ideologische, wirtschaftliche, technologische und religiöse Zeitregime bedrängen uns. Um damit umzugehen, müssen wir Intellektuelles, Körperliches, Geistiges, Spirituelles und Künstlerisches zusammen nehmen. Wir müssen jetzt das ganze Arsenal unserer menschlichen Kapazitäten aktivieren.

Sie wollen in der gedanklichen Reflexion ohne das Brimborium der Didaktik auskommen. Wie soll das gelingen?

Die Musik spricht für sich. Alle Programme funktionieren ohne den gedanklichen Rahmen, aber auch mit ihm. Viele der Künstler, die wir präsentieren, thematisieren solche Fragen, ohne es gezielt zu formulieren. Brian Ferneyhough befragt schon seit den 1970ern die totale Überforderung des Individuums, mit einem gezielten Mittel: Überforderung des ausübenden Künstlers durch die Partitur. Wir werden eine Uraufführung von Georges Aperghis präsentieren, „migrants“, für Stimmen und großes Ensemble. Dies ist seine künstlerische Antwort auf die fortlaufenden humanitären Katastrophen von Flucht und Migration. Oder Ashley Fure, die sich der wachsenden Beunruhigung hinsichtlich der Umweltzerstörung stark bewusst ist.

Sie bieten gleich zwei Konzerte an, die dreißig Stunden dauern...

Es geht nicht um zeitliche Ausdehnung um ihrer selbst willen. Die amerikanische Transgender-Künstlerin Terre Thaemlitz hat mit „Soulnessless in Five Cantos“ eine 30-stündige Klavierkomposition geschaffen, die Lohnarbeit im Kontext der Kunst thematisiert. Es ist das „Längste Album der Geschichte“, und ich werde keine Sekunde verpassen wollen.

Wie läuft das ab?

Das Stück wird von acht Pianistinnen und Pianisten in Schichtarbeit realisiert. Die Dauer des Albums basiert auf der maximalen Größe einer mp3-Datei, vier Gigabyte. Dieses Album erstmals im physischen Raum zu präsentieren, hat uns gereizt – mit Videoarbeiten und Live-Musik.

„The Long Now“ findet zum vierten Mal statt. Was hat Sie dieses Jahr umgetrieben?

Das Zeitgefühl kann sich entfalten und zugleich verlieren. Ich will gemeinsam mit meinen Ko-Kuratoren einen Ort der Entspannung schaffen. Diese 30 Stunden sind eine Welt in sich – eine reichhaltige Konzeption mit zeitgenössischer und experimenteller Musik bis hin zu Ambient Noise und Noise. Ich denke aber eher an eine produktive Entspannung mit produktiven Brüchen.

Wie hilft uns das?

Es ist eine Chance, sich aus dem Alltag auszuklinken und sich der Zeit hinzugeben und diese sinnlich zu hinterfragen.

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