Kae Tempest, geboren 1985 in London. Foto: Wolfgang Tillmans
© Wolfgang Tillmans

Interview mit Kae Tempest „Ich träume von einer Liebe, in der ich absolut offen sein kann“

Aida Baghernejad

Kae Tempest kommt aus London, rappt, schreibt und hat gerade das Album „The Line Is A Curve“ veröffentlicht. Ein Gespräch über Offenheit, Freude und die Erleichterung nach dem Coming-Out.

Kae Tempest, Ihre vorherigen vier Alben waren alle sehr narrativ, Konzeptalben, die eine Geschichte erzählt haben. Diesmal gehen Sie einen anderen Weg: Das Album hat einen Spannungsbogen, aber die Songs funktionieren unabhängig voneinander. Was hat Sie daran gereizt, nun einen völlig anderen Weg zu gehen?
Bei der Arbeit für die vorherigen Alben war ich fasziniert von Narrativen, von Storytelling. Ich wollte einfach wissen, ob ich es selbst kann. Und diesmal wollte ich wissen, ob ich auch das hier kann. Es geht darum, was spannend ist.

Sie haben auf diesem gerade erschienenen Album „The Line Is A Curve“ mehr Gäste denn je. Warum?
Vorher war der Fokus bei meinen Arbeiten immer sehr eng. Dieses Album fühlte sich expansiver an und ich wusste, ich wollte andere Stimmen auf dem Album, insbesondere auch männliche Stimmen hinter meiner. Viele der Gäste auf dem Album sind alte Freund*innen von mir, mit Confucius MC zum Beispiel hatte ich eine Band, als ich 13 war. Ich wollte, dass meine Vergangenheit, meine Gegenwart präsent ist.

Aber verändern sich Dynamiken in Freundschaften nicht, wenn eine Person rausgeht und beispielsweise wie Sie international erfolgreich ist und sogar in den USA zur besten Sendezeit im Fernsehen auftritt?
Alle arbeiten, alle sind erfolgreich. Aber die Musikindustrie ist ein seltsamer Ort für Sänger*innen. Die größten Künstler*innen, die ich kenne, werden regelmäßig übersehen, wenn nicht sogar willentlich ignoriert. Und ich habe auch Songs genau darüber gemacht, beispielsweise „No Prizes“. Er handelt davon, was passiert, wenn man an diesen Punkt gerät, an dem man sich fragt: Wofür ist das alles? Warum versuche ich immer noch? Was passiert, wenn es eben keinen Preis gibt?

Sie arbeiten in vielen verschiedenen Feldern, Prosa, Theater, Sachliteratur, Poesie, Musik – wie beeinflussen sich die Formen in Ihrer Arbeit?
Ich nehme den Unterschied zwischen den verschiedenen Formen inzwischen sehr klar wahr. Ich weiß genau, wie es sich anfühlt, wenn ich eher über ein Gedicht als über Songtexte nachdenke. Oder wenn ich einen Charakter für einen Roman entwickele oder für ein Theaterstück, wie sich Dialoge und Szenarien unterscheiden. Früher war ich so verzweifelt, alles aus mir rauszukriegen. Ich war so voll mit allem.

Da gab es nicht viel Raum oder Perspektiven, Gedanken oder Bedenken. Jetzt bin ich an einem anderen Punkt in meinem Leben, ich habe endlich Anerkennung erhalten, der junge Geist, das junge Ego, das das Gefühl hat, unbedingt Anerkennung erhalten zu müssen, ist besänftigt. Man hat diese Ideen und glaubt, dass sie unbedingt gehört werden müssen. Heute weiß ich, meine Ideen sind nicht besonders, sie müssen nicht unbedingt gehört werden. Ich habe nichts zu sagen, was irgendwie wichtiger wäre als das, was jemand anderes zu sagen hat. Ich interessiere mich eher für die Form.

Auf dem Cover des Albums ist ein Porträt von Ihnen abgebildet, das Wolfgang Tillmans aufgenommen hat. Es strahlt Leichtigkeit und Lebensfreude aus, während die Inhalte teilweise sehr düster wirken, bevor es wieder metaphorisch ins Licht geht. Woher kommt dieser Gegensatz?
Interessant, dass Sie das so wahrnehmen. Für mich ist das Album voller Freude. Ja, darauf sind ein paar Themen zu finden, die eher düster sind, aber als ich das Bild gesehen habe, hat es für mich das Album als Ganzes sehr gut zusammengefasst. Ich wusste: Das ist es.

Es fühlte sich richtig an, es fühlte sich zart an. Und auch das Album ist für mich zart. Es geht sehr viel um Liebe. Wie man lieben kann, lieben zu wollen. Ich spreche das Wort „Liebe“ bestimmt um die hundert Mal aus auf dem Album! Es befasst sich vor allem damit, wie man eine liebende Person sein kann. Und wie man auf liebende Weise leben kann. Mit Liebe, verliebt und für die Liebe.

[„The Line Is A Curve“ erscheint bei Virgin. Konzert: 24. 11., Admiralspalast Berlin]

Es gibt so viele Formen der Liebe – in der Popmusik dominiert oft eine heteronormative Vorstellung romantischer Liebe, die für viele Menschen sehr ausschließend wirken kann. Welche Form der Liebe hat dieses Album inspiriert?
Ein Zustand der Liebe, des Liebens. Ein Zustand des Empfänglich- und Offenseins. Liebe als aktiver Begriff, ein Begriff, der nicht nur dieses romantische Happening beschreibt, sondern auch eine Art, sich in der Welt zu verorten, das Leben zu leben, zu handeln und zu sein. Zynismus ist ein leichter Ausweg. In Wahrheit ist es der weit schwierigere Weg, aufrichtig liebend zu sein.

Im August 2020 haben Sie sich als nicht-binär beziehungsweise trans geoutet. Hat Ihr Coming-out die Art, wie Sie Liebe wahrnehmen und ausdrücken, verändert?
Ein Coming-out ist der Beginn einer Reise und gleichzeitig der Höhepunkt eines sehr langen Wegs von der Geburt bis ins Jetzt. Es war mein Leben, aber versteckt. Und die Einzigen, die davon wussten, waren die Menschen, die ich liebte. Dies waren die Menschen, denen ich mich völlig öffnen konnte. Oft wussten sie schon vor mir, was mit mir los war.

Seit meinem Coming-out und seit ich mich auf diese Reise der Transition begeben habe, fühle ich so viel weniger Scham in mir, und ich hoffe, dass ich mich eines Tages genauso lieben kann, wie ich es liebe, andere zu lieben. Das wäre dann der Punkt, an dem ich wirklich erfahren kann, wie es sich in einer liebevollen Beziehung lebt.

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Das war bisher nicht möglich?
Wenn man trans ist, hat man ein sehr schwieriges Verhältnis zur eigenen Haut, zum eigenen Körper. Und egal was man tut, es gibt immer einen Teil des Selbst, der gegen den Rest rebelliert. Für eine Beziehung ist das ermüdend und schwierig. Es war ein weiter Weg dahin, dass ich laut aussprechen kann, wer ich bin. Ich weiß, es ist nur der Anfang einer langen Reise hin zur Akzeptanz, die nicht einfach wird. Besonders in dieser gegenwärtigen Welt.

Sie reisen zu sich selbst, um zu anderen reisen zu können.
Die Vorstellung von einer sanften, wahren Liebe, in der ich absolut offen sein kann – davon träume ich. Cis Menschen denken wahrscheinlich nicht einmal drüber nach, wie anstrengend es sein kann, sich nicht ganz hingeben zu können. Seit meinem Coming-out fühle ich mich erleichtert, aber die Erleichterung kommt eher daher, dass ich weiß, dass ich auf einer Reise bin, die nun beginnt. Aber ich liebe meine Community. Ich liebe trans Menschen, sie sind wunderschön, sie sind besonders. Wir verdienen die gleichen Rechte wie alle anderen auch. Ich verdiene es, mich sicher zu fühlen. Wir sind echt, wir existieren!

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