„Es gibt mehr Dichter als je zuvor"

Metaphysiker des poetischen Zweifels. Der Dichter Charles Simic. Foto: Richard Drew/Poesiefestival
Interview Charles Simic „Wenn ich denke, werde ich traurig“

Zu seiner Amtseinführung als Präsident der USA lud John F. Kennedy den Dichter Robert Frost ein und begründete damit eine neue Tradition. Für den Fall, dass Donald Trump bei Ihnen anklopft: Hätten Sie ein Gedicht für ihn?

Die Wahrscheinlichkeit, dass Trump überhaupt einen Dichter einlädt, geht, wie Sie wissen, gegen null. Ich hätte aber auch unter anderen Umständen wenig beizutragen. Denn was Dichter zu solchen Anlässen beigetragen haben, war fast immer mies. Es funktioniert nicht, und ich habe Mitleid mit jedem, der es tut – selbst bei Clinton und Obama. Nach 9/11 bat der Kongress Billy Collins, den damaligen Poet Laureate der USA, ein Gedicht über das Geschehene zu schreiben. Doch als er „The Names“, ein ungewöhnlich gutes Gedicht schließlich vortrug, waren die meisten Gäste nur perplex. Wer ist das, fragten sie sich. Und: Was ist hier eigentlich los? Sie hatten offenbar noch nie ein Gedicht gehört. Das sagt alles über die Situation der Poesie in unserem Land.

Von politischen Äußerungen hat Sie das nicht abgehalten. Hat das auch mit den Urerfahrungen zu tun, über die Sie gerade beim Berliner Poesiefestival noch einmal ausführlich Auskunft gegeben haben – insbesondere die Bombardierung Belgrads durch die Deutschen im Jahr 1944?

Ich denke gar nicht so sehr an diese Zeit, sie hat mich nicht traumatisiert. Anderseits habe ich nie daran gezweifelt, dass sie ihre Spuren hinterlassen und mich zu dem gemacht hat, der ich bin. Ich will also nicht leugnen, dass ich ohne sie in meinem Blog für die „New York Review of Books“ wahrscheinlich nicht über precision bombing geschrieben hätte, wie es die Amerikaner im Irak mit wenig Glück versuchten. Immer sterben dabei Zivilisten. Genauso wenig hat es 1999 in Belgrad funktioniert, als die NATO Slobodan Milosevic bombardierte.

Die Lyrikszene ist in den letzten Jahren weltweit explodiert. Wie behalten Sie den Überblick?

Niemand kann zusammenfassen, was in den letzten 20 Jahren geschehen ist. Es gibt keine Anthologien mehr, die die Vielfalt angemessen abbilden. Studien können sich nur einer bestimmten Richtung widmen. Es gibt mehr Dichter als je zuvor, zugleich wird in den USA weniger und weniger gelesen. Als ich Ende der 50er Jahre in Chicago anfing, kannte ich jeden, der irgendwie mit Poesie zu tun hat. Die 15 Dichter, die es gab, bildeten fast eine Sekte. Dann, in den späten 60er Jahren nahm die Beliebtheit der Creative-Writing-Programme, ausgehend vom Iowa Writers’ Workshop, ständig zu. Heute gibt es an den Universitäten rund 870 solcher Programme und ein Vielfaches an Absolventen. Zur alljährlichen Versammlung der Association of Writers and Writing Programs kommen inzwischen mehr als 12 000 Menschen. Und sie alle wollen Bücher veröffentlichen, um Jobs zu kriegen.

Können Sie spontan drei Namen nennen, die Ihnen aufgefallen sind?

Vielleicht einen Dichter aus Boston, David Rivard, der aus einer französisch-kanadischen Familie stammt. Oder Tony Hoagland, der ungewöhnlich lustige Gedichte schreibt. Und Dean Young.

Sie alle stehen nicht dafür, dass die Creative-Writing-Kultur zu ästhetischer Gleichmacherei führen würde.

So kann man es auch nicht sagen. Wenn man die Stile klassifizieren würde, käme man vielleicht auf 15, aber sie alle vereinen Vorhergehendes. Es gibt extrem feministische Gedichte und solche, die sich noch immer modernistischen Ideen verpflichtet fühlen. Aber natürlich gibt es die Ashbery-Leute, es gibt die language poets in der Tradition von Charles Bernstein. Sharon Olds schreibt eine bekenntnishafte Lyrik, die ihre Anhänger hat. Doch schon Jorie Graham hat eine so eigene Stimme, dass niemand sie imitiert.

Und wer folgt Ihrem Vorbild?

Gottseidank auch niemand! Jüngere Dichter sagen mir manchmal, wie viel ich ihnen bedeute. Einer erklärte mir sogar, dass er und seine Frau sich ineinander verliebten, als sie einander meine Gedichte vorlasen. Ich gehöre allerdings zu einer Generation von Dichtern, die zumindest die Außenwahrnehmung verbindet. Ich rede von meinem Freund Mark Strand, von James Tate oder Russell Edson, die inzwischen alle tot sind. Wir wurden als Surrealisten bezeichnet, was aber ziemlich dumm war. Denn wir alle gebrauchen unsere Imaginationskraft jenseits von André Breton oder Cesar Vallejo. Kansas, woher James Tate kam, ist der Staat, der Buster Keaton hervorbrachte. Es gibt genuin amerikanische Surrealisten.

Sie haben eine Ehrfurcht gebietende Veröffentlichungsliste. Was tun Sie eigentlich, um sich nicht zu wiederholen? Wie gelingt es Ihnen, sich zu überraschen?

Ich wiederhole mich leider, und mein einziger Trost ist es, dass ich das Gesamtwerk vieler großer Dichter gelesen habe, und sie alle haben maximal zwei Dutzend Themen. Erst kürzlich habe ich Wallace Stevens unterrichtet, und Junge, Junge, wiederholt sich der! Jeder Mensch hat nur eine begrenzte Bandbreite von Ideen, Erfahrungen. Man schreibt manchmal nur, um Reißaus vor sich selbst zu nehmen. Am liebsten würde ich etwas schreiben, das mich wirklich, wirklich überrascht. Etwas, das mich zugleich schockiert und entzückt. Etwas, das anders ist als alles, was ich bisher geschrieben habe. Aber ach, wie schwer ist das.

Charles Simic, 1938 in Belgrad geboren, lebt seit 1954 in den USA. Der Pulitzer-Preisträger und frühere amerikanische Poet Laureate (2007/08) gilt mit seinen oft ironischen, zwischen Dämmerung, Schlaflosigkeit, Erinnerung und Traum angesiedelten Gedichten als einer der originellsten Lyriker unserer Zeit. Über 30 Jahre lang unterrichtete er Englische Literatur und Kreatives Schreiben an der University of New Hampshire. In der vergangenen Woche war er Gast des Berliner Poesiefestivals.

Im Münchner Carl Hanser Verlag erschien zuletzt Picknick in der Nacht, eine zweisprachige Gedichtauswahl aus mehr als 50 Jahren (aus dem Amerikanischen von Wiebke Meier, 275 S., 22,90 €). In den USA veröffentlichte Simic zuletzt die Prosasammlung The Life of Images (HarperCollins/Ecco, 352 S., 27,99 USD).

Das Gespräch führte Gregor Dotzauer.

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