Jung und zornig. Bettina Wegner wurde 1947 in Berlin-Lichterfelde geboren und wächst in Ost-Berlin auf. Foto: Werner Popp
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Im Kino: Lutz Pehnerts Hommage an Bettina Wegner Kämpferin mit Klampfe

Mehr als die Sängerin „der kleinen Hände“: Lutz Pehnerts widmet der Berliner Liedermacherin Bettina Wegner ein politisch-poetisches Porträt.


Anderthalb bewegte Stunden vergehen, in denen man ihn kein bisschen vermisst. Aber dann erklingt er in Lutz Pehnerts Filmbiografie doch noch, Bettina Wegners Hit „Kinder“ von 1979. Die Kinderrechtshymne, die – obwohl in Ost-Berlin geschrieben – den antiautoritären Kinderladengeist West-Berlins atmet, covert niemand anders als Joan Baez. Die US-Politbardin, mit der Bettina Wegner nach ihrer Ausbürgerung aus der DDR 1983 dann auch tatsächlich in der Berliner Waldbühne auftreten sollte.

Sind so kleine Biere

Sie habe das Lied jahrelang nicht gesungen, erzählt die 73-jährige Bettina Wegner im Film auf der Konzertbühne. Verständlich. Welche Künstlerin will schon als „die mit den kleinen Händen“ in die Geschichte eingehen? Dann jedoch hörte sie erstmals „Sind so kleine Biere“, die Spaßversion einer Punkband. Das versöhnte sie wieder mit dem eigenen Song. „Ich bin Punkfan!“, ruft sie ins Publikum. Und Humor besitzt sie außerdem.
Beides hat man um 1980 herum, als ihre Alben „Sind so kleine Hände“ und „Traurig bin ich sowieso“ auch im Westen unter Liedermacher-affinen Gymnasiasten kursierten, nicht geahnt. Es schien so gar nicht zu der moralischen Unbedingheit zu passen, die Bettina Wegners Lieder auszeichnet.

In „Bettina“, dem ihr gewidmeten Filmporträt, das schon auf der Berlinale gefeiert wurde, singt sie „Kinder“ solo. Ihre Altersstimme hat an Zorn und Furor eingebüßt, aber das schadet nicht. Davon hatte die Kämpferin mit der Klampfe stets übergenug.

Pehnerts Hommage erzählt ein geschichtssattes deutsch-deutsches Leben. Filmausschnitte und Fotos der jungen Musikerin zeigen eine herbe Schönheit, die mit dem melancholisch umflorten Blick einer Zweiflerin schlecht zu den schlagerhaften Liebesliedern passt, die sie am Beginn ihrer Karriere in den Sechzigern singt.

Ihre Eltern sind Kommunisten

Die Eltern der 1947 in Berlin-Lichterfelde geborenen Bettina sind Kommunisten. Die Familie zieht nach Ost-Berlin. Bettinas Lebensweg als „kritische Sozialistin“ in der DDR scheint nach dem Gewinn von Talentwettbewerben, Schauspiel- und Gesangsstudium vorgezeichnet. Nur, dass die DDR die von Wegner in ihren Texten propagierte Gedanken- und Redefreiheit als Bedrohung empfindet. Die Künstlerin besitzt einen viel zu rigorosen, angstfreien Charakter.

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Nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei verteilt sie Protestflugblätter und wird verhaftet. Die DDR macht ihr den Prozess und verurteilt sie wegen „staatsfeindlicher Hetze“. Der Audiomitschnitt ihres Verhörs durch eine Staatsanwältin gehört zusammen mit den Interviewpassagen der heutigen Wegner zu den stärksten Elementen des materialreichen und trotzdem mit epischem Atem montierten Films.

Bebildert mit Fotos, erklingt die zarte Stimme einer jungen Frau, die im Angesicht der Staatsgewalt unbeirrbar mutig auftritt. Sie wird zur „Bewährung in der Produktion“, sprich Fabrikarbeit verurteilt. Sie ist alleinerziehende, junge Mutter, der Vater des Kindes ist Thomas Brasch.

An der Oder. Bettina Wegner heute am Rande eines ihrer seltenen Konzerte. Foto: Lutz Pehnert/Solofilm Vergrößern
© Lutz Pehnert/Solofilm

Trotzdem gelingt es ihr in den Siebzigern, in dem Staat, der ihr als Künstlerin das Leben schwer macht, obwohl sie ihn wie eine Heimat liebt, wieder als Liedermacherin zu arbeiten. Zusammen mit ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Klaus Schlesinger, gründet sie Veranstaltungsreihen, die immer wieder verboten werden.

Als sie gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert, verstärkt sich der Druck. Ab 1980 darf sie „mit Reisepass“ nur noch außerhalb der DDR singen, in deren Grenzen gilt ein unausgesprochenes Berufsverbot. 1983 zwingt sie die DDR dann, ganz zu gehen.

["Bettina" läuft in 18 Berliner Kinos.]

Seitdem lebt Bettina Wegner in Frohnau, wo als kurioses Symbol politischer Absurditäten heute eine nach der Wende wiederbelebte S-Bahnlinie durch ihren Garten führt. Hier, im Westen, sei auch nach Jahrzehnten immer noch „drüben“, erzählt sie. Eine Heimatlose, Entwurzelte ist sie seither geblieben.
Seine Erzählstruktur hat der Regisseur Bettina Wegners Song „Gebot“ entlehnt, dessen Verse „Aufrecht stehn, wenn andre sitzen / Lauter schrein, wenn andre schweigen / Nicht im Wohlstand zu versinken / Solidarität mit Schwachen“ er in Zwischentitel verwandelt.

Eine Große der Liedermacherei

Auch ihre zwei stärksten Lieder erklingen im Originalmaterial: die brennende Ballade „Für meine weggegangenen Freunde“, in der sie die Trauer über die Abwanderung der Künstler aus der DDR thematisiert. Und den Emanzen-Stoßseufzer „Ach, wenn ich doch als Mann auf diese Welt gekommen wär“.

Mit ihren Liedern, ihrer Haltung, das macht Lutz Pehnert in „Bettina" eindrücklich klar, gehört sie zu den Großen der politisch-poetischen Liedermachererei. Als musikalische Geistesverwandte von Wader, Degenhardt, Biermann und auch Rio Reiser; die Wut über soziale Unzulänglichkeiten und die Menschenliebe immer im Blick.

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