Buddies in Not. Channing Tatum spielt in seinem Regiedebüt selbst die Hauptrolle des Ex-Army-Rangers Jackson. Foto: Leonine
© Leonine

Im Kino: "Dog", von und mit Channing Tatum Der Krieg in mir

Mann und Hund mit Trauma: Channing Tatum spielt in seinem Regiedebüt "Dog" mit Elementen des Buddymovies.

Der Hund ist des Menschen bester Freund – oder auch nur der des Mannes. Frauen bekommen im Kino meist ein anderes Tier zugewiesen, mit dessen Hilfe sie Traumata überwinden können.

Als männlich konnotiertes Wesen wird etwa das Pferd gern als kathartisches Übergangsgeschöpf genutzt, in „Der Pferdeflüsterer“ lernen eine traumatisierte 13-Jährige und ein nicht minder verstörtes Pferd, neues Vertrauen zu fassen. Bei Männern hingegen haben eher Hunde eine therapeutische Wirkung.

Channing Tatums Regiedebüt (zusammen mit Reid Carolin), das Buddy- und Roadmovie „Dog“, hält sich an diese Gender-Regel. Wie im Komödienklassiker „Scott & Huutsch“ mit Tom Hanks als Hundehasser, müssen sich auch hier Mann und Vierbeiner nach anfänglichen Aversionen zusammenraufen.

Der Hund stellt sich in „Dog“ allerdings als „Bitch“ heraus. „Du bist das einzige weibliche Wesen hier“, konstatiert Ex-Army-Ranger Jackson Briggs (Tatum) nach ihrer ersten Begegnung. Er hat die Aufgabe, die Armee-Hündin Lulu zur Beerdigung ihres verstorbenen Besitzers zu begleiten und sich damit auch wieder die Gunst seines Vorgesetzten zu erarbeiten.

Es ist nicht nur eine Chance für den tablettensüchtigen, die eigene Belastungsstörung ignorierenden Jackson, sondern auch für die als „schwierig“ diagnostizierte Hündin. Das Tier, muss Jackson bei der Fahrt quer durch die USA feststellen, ist ähnlich traumatisiert wie er. Beide haben unter feindlichem Beschuss „gedient“, Verluste und Verletzungen erlebt.

[Behalten Sie den Überblick: Jeden Morgen ab 6 Uhr berichten Chefredakteur Lorenz Maroldt und sein Team im Tagesspiegel-Newsletter Checkpoint über die aktuellsten Entwicklungen rund um das Coronavirus. Jetzt kostenlos anmelden: checkpoint.tagesspiegel.de.]

Vielleicht ist Lulu, die Jackson zunächst nur stoisch „Dog“ ruft, sogar noch etwas mehr geschädigt. Als er sie als Blindenhund missbraucht, um als angeblicher Kriegsveteran eine luxuriöse Hotelsuite abzustauben, fliegt der Schwindel auf, weil Lulu auf „arabisch“ aussehende Menschen abgerichtet ist. In der Hotellobby greift sie einen Mann im Kaftan an.

Tatum erzählt, dass er für die Geschichte von seiner eigenen „Lulu“ inspiriert wurde. „Dog“ spielt einerseits mit Elementen des Buddymovies, er wirft sein ungleiches Duo in komisch-brenzlige Situationen; andererseits schwingt ein düsterer Unterton mit – eine mitunter merkwürdige Mischung. Als Jackson einmal mitten in der Pampa die ausgebüxte Lulu verfolgt, findet er sich mit Kabelbindern gefesselt in einem Bauernhaus wieder.

Er kann sich befreien und geht bewaffnet mit einer Axt auf die Suche nach seinem Hund: eine martialische Szene, die die slapstickhafte Leichtigkeit anderer Filme dieses Genres völlig vermissen lässt. Jackson trifft schließlich auf einen älteren Mann und dessen Frau (Jane Adams und Kevin Nash), die mit Hilfe Lulus einige von Jacksons verdrängte Probleme „channelt“. Er hat sich von seiner Tochter und deren Mutter entfremdet.

["Dog" läuft ab 19. Mai in zehn Berliner Kinos. OV: UCI Mercedes Platz]

Tatum stellt seine Gewaltsymbolik wie auch die Themen Kriegstraumata und Patriotismus inklusive Rassismus neben typischen Buddy-Humor, eine sinnvolle Verbindung entsteht daraus allerdings nur selten. Jackson begreift irgendwann, dass er seine Probleme nicht länger ignorieren darf. Aber als zwei esoterische junge Frauen im hippen Portland ihn zur „Chakrenbearbeitung“ mit zu sich nach Hause nehmen („Kann man das rauchen?“), verhält er sich wie ein Schürzenjäger. Dass die Frauen, so klischeehaft sie auch gezeichnet sind, mit ihrer Diagnose seiner inneren Verletzungen recht haben, traut sich Jackson nicht zuzugeben.

So krankt der mit Engagement und Charme erzählte Film an seiner zentralen Botschaft: Kriege machen Männer (und Hunde) kaputt, Heilung kann nur durch Selbsterkenntnis erfolgen. Doch die beste Hundetherapie ist nur eine Oberflächenbehandlung, wenn sie weder Kriegsursachen noch Rollenklischees hinterfragt. „Dog“ mangelt es an Biss.

Zur Startseite