Offene Ehe. Keira Knightley als Sidonie-Gabrielle Colette und Dominic West als Entdecker Willy im Biopic "Colette". Foto: DCM Filmdistribution
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Im Kino: "Colette" Ich will alles

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Schriftstellerin, Varietékünstlerin und bisexuelle Frau: Wash Westmorelands Biopic „Colette“ erzählt von der französischen Ikone.

Erst „Mary Shelley“, nun „Colette“: Zum Jahreswechsel drängeln sich im Kino die Schriftstellerinnen-Biografien. Die Branche entdeckt verstärkt den weiblichen Geschichtsblick, samt der Würdigung ihrer kulturellen und politischen Heldinnen. Ein Biopic über Maria Stuart folgt in zwei Wochen.

Sidonie-Gabrielle Colette macht Ende des 19. Jahrhunderts künstlerisch und privat gewissermaßen da weiter, wo die hundert Jahre zuvor geborene, noch ganz der romantischen Epoche verhaftete Science-Fiction-Erfinderin Mary Shelley aufhört. Die halbbiografischen „Claudine“- Romane der Französin, die auch als Varietékünstlerin und Journalistin reüssiert und zur Nationalikone aufsteigt, begründen ein modernes Phänomen – den Teenager. Und die bisexuelle Freiheit, die Colette lebt, weisen sie als Konventionen verachtende neue Frau aus.

Im Film hat Colette, die die Pariser Bühne der Künstler und Intellektuellen 1893 frisch verheiratet als bezopftes Mädel vom Lande betritt, einige Häutungen vor sich. Ihr Kleid ist brav, ihr Urteil über die Ballgesellschaft scharf. Schnell taxiert Colette die aufgeputzten Damen und Herren als „überheblich und geistlos“. Und doch lässt sie sich auch auf eine Affäre mit genau jener Millionärsgattin ein, mit der auch ihr Ehemann turtelt.

Willy ist nicht nur Forderer, sondern auch Förderer

Keira Knightley überzeugt in der Rolle als viel zu schöne, aber smarte Ehefrau des deutlich älteren Autors Henry Gauthier-Villars, genannt Willy, der Colette alsbald als Ghostwriterin in seiner Schreibfabrik einspannt und später auch das Copyright ihrer frühen Bücher für sich reklamiert.

Dass der Regisseur und Autor Wash Westmoreland („Still Alice“) den windig-charmanten Womanizer Willy (Dominic West) nicht nur als Forderer, sondern auch als Förderer zeichnet, ist klug. Formal hätte die schillernde Colette allerdings viel mehr Experimentierfreude verdient, statt einer simplen Lebenschronologie und einem mit sämigen Streichern und perlenden Pianoläufen untermalten Schwelgen in den Kostümen und Dekoren der Belle Époque.

Gut, dass die dynamische, wie durch die Räume gleitende Kamera von Giles Nuttgens nicht nur die Perspektive, sondern auch die geistige Wendigkeit der Heldin abbildet. Einen großen Anteil an Colettes künstlerischer und charakterlicher Prägung hat lange vor der Pygmalion-Figur Willy schon ihre Mutter Sido. In einer feinen Nebenrolle ist sie nicht – wie im Kino so oft – als Konkurrentin, sondern als Unterstützerin dargestellt. Toll, was Theatergröße Fiona Shaw aus wenigen Szenen macht.

In 16 Kinos, OmU/OV: Babylon Kreuzberg, B-Ware, Sony Center, Hackesche Höfe, Odeon

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