Das Konzerthaus auf dem Gendarmenmarkt, mit dem Bredekamp sein Buch beginnt. Foto: picture alliance/Paul Zinken/dpa
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Horst Bredekamps „Berlin am Mittelmeer“ Wie Rom nach Preußen kam

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Über den südlichen Charakter der deutschen Hauptstadt: Der große Renaissance-Forscher Horst Bredekamp sieht „Berlin am Mittelmeer“.

„Berlin erfindet sich auf jeder historischen Stufe neu“, ruft Horst Bredekamp zum Ende seiner Buchvorstellung aus, „eine ständige creatio ex nihilo!“ Aus dem Nichts sich neu zu erschaffen, das ist fürwahr der Mythos, den Berlin seit Beginn des 20. Jahrhunderts von sich selbst kultiviert, seit dem Durchbruch der Moderne in Architektur und Stadtplanung.

Mit einer Fotografie „Blick auf das zerstörte Berlin“ hebt das neue Buch des rastlos tätigen Humboldt-Professors für Kunst- und Bildgeschichte an. Nach dem Zweiten Weltkrieg schuf sich Berlin ein weiteres Mal neu – bis heute: Größte Neuschöpfung und zugleich Anknüpfung an die Tradition solcher Erschaffung ist das Schloss als Heimstatt des Humboldt-Forums. Denn, so Bredekamp, es sei „zu betonen, dass sich diese Stadt in markanten Momenten ihrer Entwicklung als Spiegel auswärtiger Vorbilder definierte. Sie lagen vornehmlich jenseits der Alpen.“ Folgerichtig titelt  Bredekamp sein neues Buch „Berlin am Mittelmeer“.

Bredekamp ist ein großer Renaissance-Forscher; über die Baugeschichte des Petersdoms hat er ein magistrales Buch geschrieben. Sein Blick geht also weniger ins Land der Griechenschwärmerei als zu den handfesten Bauvorhaben der Italiener. Obgleich er sein Buch mit einem griechisch konturierten Bau beginnen muss:  dem Schauspielhaus Karl Friedrich Schinkels, eröffnet 1821.

Vom Rom der Antike über die Renaissance bis zum Barock

An ihm zeigt Bredekamp, welche beiden Momente in Berlin wirksam wurden: „der Rückgriff auf mittelmeerische Traditionen sowie der Vorgriff auf neue Formen der Nutz- und Industriekultur“. Über Schinkel muss er nicht viel schreiben, dessen Modernität in antikischem Gewand ist gut erforscht und im Großen und Ganzen auch ins öffentliche Bewusstsein gedrungen. Nicht bewusst ist demgegenüber der italienische Einfluss. Für ihn steht an erster Stelle das Schloss, das alte – das einst revolutionär neu war – und dessen Kopie, die kurz vor der Vollendung steht und das Humboldt-Forum aufnimmt. Dort gehört Bredekamp zur Gründungsintendanz.

Andreas Schlüter entwarf das Schloss für den schließlich 1701 mit der Königskrone ausgezeichneten Friedrich I. als „neurömischen Palast“: „Mit diesem Bauwerk stellte Berlin (...) transalpine Spiegel auf, um mit Hilfe der Grandezza des Südens das neue Königreich angemessen inszenieren zu können“. Für den Bau selbst kommt als erstes der barocke Palazzo Madama in Rom in Betracht, sodann des Römers Bernini unausgeführter Entwurf für den Pariser Louvre: „Schlüters Formen zogen eine eigenwillige Summe der Bau- und Bildgeschichte Roms von der Antike über die Renaissance bis zum zeitgenössischen Barock.“

So geht’s weiter. Knobelsdorffs Opernhaus orientiert sich an Palladio, die gemeinsam mit Jan Bouman errichtete Hedwigs-Kathedrale am antiken Pantheon.

Berlin wird „Versüdlichung“ attestiert

„Mit dem Brandenburger Tor verlagert sich die von Italien her bestimmte Selbstdefinition Berlins nach Griechenland“, blickt Bredekamp vom Tor, das „den Charakter der ganzen Stadt verwandelte“, stadteinwärts auf Neue Wache und Altes Museum, zwei weitere Meisterwerke Schinkels. Mit dem protestantischen Dom sucht das Kaiserhaus den – freilich missglückten – Vergleich mit dem Petersdom. Speers megalomane Entwürfe für Hitler dürfen als „Umkehrung des Spiegels“ nicht unerwähnt bleiben.

Es folgt die Zerstörung im Bombenkrieg – und die Wiederauferstehung danach. Rasch gelangt Bredekamp zum Schloss, als dessen Rhapsode er längst auch in öffentlichen Vorträgen auftritt.

„Schlüter ist michelangelesker als Bernini“, rief er zum Schluss seiner Buchvorstellung im „Bücherbogen“ aus. „Der Wiederaufbau des Berliner Schlosses“ durch Franco Stella „kehrt zu jenem Erstimpuls zurück, der Schlüters und Eosanders Bau zu einem italienischen Ereignis werden ließ“, heißt es im Buch, und Berlin wird „Versüdlichung“ attestiert, dergestalt, „dass die Stadt ohne eine Dimension des Irrealen nicht zu denken und nicht zu erleben ist.“ – „Versüdlichung“, was für ein schönes Wort! 

Horst Bredekamp: Berlin am Mittelmeer. Kleine Architekturgeschichte der Sehnsucht nach dem Süden. Wagenbach Verlag, Berlin 2018. 176 S., Abb., 18 €.

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