"Vögel und Reptilien sind eng verwandt"

Highlights für das Humboldt Forum Geheimnisvolles Mischwesen

"Vögel und Reptilien sind eng verwandt"
Mandy Carnarius, Fachtierärtzin für Vögel und Reptilien in Berlin-Zehlendorf:

Eine merkwürdige Kombination: Adler und Schlange. Auf den ersten Blick erkennt man den Adler in dieser Skulptur gar nicht, denn jede Schlange hat ja Schuppen – ich habe erst auf den zweiten Blick gesehen, dass es sich um Federn handelt. Für eine echte Klapperschlange wäre es sehr ungewöhnlich, sich zu einem solchen Knoten zusammenzuballen. Klapperschlangen sind Fluchttiere, so zusammengeknotet könnten sie kaum fliehen. Nur wenn sie sich sehr sicher fühlen, rollen sie sich ein, aber dann eher zu einem Kringel. Ich finde es interessant, dass die Azteken diese beiden Tiere zusammengebracht haben, denn evolutionsgeschichtlich sind Vögel und Reptilien einander sehr nahe: Beide sind, anders als Säugetiere, noch direkt mit den Dinosauriern verwandt. Das weiß die Wissenschaft noch gar nicht lange – die Azteken haben diese Ähnlichkeit vielleicht erkannt?

Als Haustiere sind Schlangen für die meisten Menschen nicht attraktiv, weil sie sich kaum bewegen, meist hängen sie nur rum. Aber sie haben etwas Faszinierendes, Geheimnisvolles, Urtümliches. Manchmal kommen Halter in meine Praxis, weil ihre Schlange seit drei Wochen nicht gefressen hat. Dann sage ich: Keine Angst, die ist gut genährt, die hält auch noch weitere drei Wochen aus!

Protokoll: Dorothee Nolte

"So filigran - das ist hohe Steinmetzkunst"
Diplom-Restaurator, Steinmetz- und Steinbildhauermeister Carlo Wloch:

Das Stück ist handwerklich brillant gemacht. Es ist aus Granit, das sehe ich – ein sehr harter Stein. Ihn mit den einfachen Mitteln von damals so filigran, so feingliedrig zu bearbeiten, ist eine hohe Kunst. Heute hat man Diamantwerkzeug zum Schleifen und Fräsen. Ich denke, dass mehrere Steinmetze daran gesessen haben. So war es auch zu meiner Zeit in der DDR im VEB Stuck und Naturstein: Helfer brachten den Stein in Form, Gesellen und Meister machten die Feinarbeiten. Das war Arbeit mit Kopf und Hand. Heute kommt meist Technik zum Einsatz: Ein Computer scannt, ein Roboter fräst die grobe Form. Ich finde das schade. Die Werke sind viel zu glatt, zu wenig lebendig, weil keine Arbeitsspuren früherer Epochen mehr zu erkennen sind. Die Adlerschlange wirkt gerade durch ihre lebhafte Oberfläche so natürlich. Ich habe an der Rekonstruktion des Berliner Schlosses mitgewirkt. Dass auch dort viele Figuren und Ornamente per Roboter entstanden, war ein bitteres Erlebnis für mich. Ich finde es auch befremdlich, aztekische Kunst in einem preußischen Schloss zu zeigen. Das ist doch ein kultischer Stein! Wie wäre uns zumute, wenn einer käme mit Macht und Geld und das Vermächtnis unserer Ahnen in ein fremdes Land schafft?

Protokoll: Silke Zorn

An insgesamt acht Standorten – Gemäldegalerie, Neues Museum, Altes Museum und Pergamonmuseum – präsentieren die Staatlichen Museen noch bis zum 26. Mai ihre Highlights für das Humboldt Forum aus dem Ethnologischen Museum und dem Museum für Asiatische Kunst. Die Adlerschlange ist im Neuen Museum zu bestaunen. Zukünftig wird sie in den Museen im zweiten Obergeschoss des Humboldt Forums ausgestellt. Mehr im Internet.

Der nächste und letzte Teil der Tagesspiegel-Serie erscheint am 28. Mai: Vergnügen

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