Schlaffer Patriarch. Franziska Meinerts „Träumender Freud“. Foto: Franziska Meinert
© Franziska Meinert

Hexen-Ausstellung in der Zitadelle Spandau Die widerständige Frau

Matthias Reichelt

Wie unangepasste Frauen seit jeher als Hexen verdammt und verfolgt wurden zeigt eine sehenswerte Kunst-Ausstellung in der Zitadelle Spandau.

Ein stark behaarter männlicher Unterarm und eine Hand mit langen roten Fingernägeln stecken in einer hochhackigen Frauensandale: diese Fotografie könnte für die vielen Konnotationen von Queerness, Begehren und Befremden stehen und lässt gleichzeitig an Werwölfe oder Dr. Jekyll und Mr. Hyde denken.

Die Fotoarbeit von Emilio Bianchic ist bestens geeignet, die große thematische Spannbreite der Ausstellung über das Frauenbild im kulturellen Wandel von Pathologisierung bis zur heutigen emanzipativen Selbstermächtigung anzudeuten.

Rebellische Frauen galten als Störfaktor

Die Debatten um sexuelle Belästigung, Gender Pay Gap, Ungleichheit am Arbeitsplatz und zunehmende Misogynie reißen nicht ab und werden von einer dritten Frauenbewegung global geführt.

Frauen, die sich gegen die patriarchalen Verhältnisse auflehnten oder aus dem Rahmen männlicher Machtstrukturen fielen, galten früher als Hexen, wurden verbrannt oder, sehr viel später, in die Psychiatrie verbannt.

Für die beiden Kuratorinnen Alba D’ Urbano und Olga Vostretsova ist die Zitadelle Spandau der „genius loci“, um ihre Ausstellung über Hexen als Störfaktor in einer von Männern und Heteronormativität dominierten Gesellschaft bis in die Gegenwart hinein zu zeigen.

Wie Ralf F. Hartmann, Kulturamtsleiter und Direktor des Zentrum für Aktuelle Kunst (ZAK), im Katalog zur Ausstellung ausführt, diente die Festung bereits in der Renaissance als Gefängnis für Frauen, „die aufgrund ihrer gesellschaftlichen Aktivitäten unter den Verdacht der ‚Hexerei’ gerieten“.

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Die sehenswerte Ausstellung versammelt 30 internationale Künstlerinnen und Künstler. In vier Kapiteln nimmt sie sich der Psyche, einem animistischen Weltbild, der Selbstermächtigung und neuen Formen von Unterdrückung und Auflehnung unter turbokapitalistischen Verhältnissen an.

Die kleinen und fragilen, aus Pappmaché geformten Skulpturen von Franziska Meinert sind imponierende Porträts von Frida Kahlo, Georgia O'Keefe und Sigmund Freud. Die aufrechte und würdevolle Haltung der beiden Künstlerinnen, die nicht zuletzt aufgrund ihrer eigenen Formensprache in der Kunst verehrt wurden, signalisiert ihre beharrliche Kraft, die sie gegen die männliche Dominanz in der Kunstwelt bewiesen.

Wie sein eigener Patient dagegen hängt Freud träumend und schwächelnd im Sessel, als ob er Zweifel hätte an seinem Befund der „natürlichen Unterlegenheit“ der Frau und ihrem angeblichen Penisneid.

Ulrike Meinhof wurde geächtet und gejagt

Eine wandfüllende Collage von Johanna Braun widmet sich dem selbstbewussten Handeln von Frauen und der daraus resultierenden Diskriminierung und Verteufelung durch Männer im medialen Raum.

Sehr dominant inkorporierte sie Trumps widerlichen Tweet gegen Greta Thunberg, in dem er ihr durch die Blume psychiatrische Hilfe gegen ihre Wut empfiehlt.

Die für den Umsturz der Verhältnisse gewaltbereite ehemalige Journalistin Ulrike Meinhof wurde geächtet und gejagt. Die Künstlerin Libera Mazzoleni integriert die berühmteste Frau der RAF in einen Bilderreigen aus Zeichnungen und Fotos über Hexenverfolgungen.

[ZAK, Zentrum für Aktuelle Kunst, Zitadelle Spandau, bis 27. Dezember]

Der ehemalige Berliner Bürgermeister und Pfarrer Heinrich Albertz erklärte nach dem Selbstmord von Meinhof: „Früher hätte man Frau Meinhof als Hexe verbrannt, aber ich fürchte, noch heute riechen viele unter uns gerne einen Scheiterhaufen.“

Die unter dem Namen Gluklya bekannte Künstlerin Natalia Pershina-Yakimanskaya verortet auf einer wandfüllenden Weltkarte die moderne Form der Sklaverei mit extremer Ausbeutung von Frauen und Kindern in der Textilindustrie sowie die vielerorts immer noch präsente Verfolgung von selbstbewusst agierenden Frauen in einer zeitgenössischen Art der Hexenverfolgung.

Auf Isabel Kerkermeiers modifiziertem Werbebanner „Wandering Star“ für eine Jeans sind es die scharfen Fingernägel einer Frauenhand, die dem Produkt brutaler Ausbeutung seine Stigmata beifügen und sie damit brandmarken.

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